Urs Tillmanns, 22. Juni 2021, 00:19 Uhr

Polizeifotograf Arnold Odermatt ist verstorben

Er war der berühmteste Polizist und wohl auch der Einzige, der mit seinen Bildern von Unfällen Weltruhm erlangte. Was als blosse Dokumentation für Polizeirapporte gedacht war, ist plötzlich zu Kunstwerken geworden, die in den renommiertesten Galerien gezeigt und in Büchern sowie unzähligen Medien präsentiert wurden. Die Rede ist von Arnold Odermatt, der am letzten Freitag, 19. Juni 2021 nach längerer Krankheit im Kreise seiner Familie im Alter von 96 Jahren verstorben ist.

Arnold Odermatt mit seiner Rolleiflex SL66. Foto: Jasmin Morgan, Windisch

Arnold Odermatt wurde am 25. Mai 1925 geboren und wuchs mit zehn Geschwistern zusammen in Oberdorf NW auf. Nach seiner Schulzeit erlernte er den Konditorberuf in La Chaux-de-Fonds, um dabei Französisch zu lernen, doch musste er diesen Beruf infolge einer Mehlstauballergie aufgeben. Um eine Auswanderung in den damaligen Belgisch-Kongo zu verhindern, melde ihn sein Vater 1948 kurzerhand bei der Nidwaldner Polizei an. Das war zu einer Zeit, als die Aspiranten noch das eigene Fahrrad und die Schreibmaschine selbst stellen mussten. Arnold hatte seine Ausrüstung noch weiter ergänzt, mit ein paar gebrauchten Handschellen – und einer Kamera, die er an einem Wettbewerb gewonnen hatte. Damit, so seine Idee, sollten die Unfallrapporte nicht nur mit Skizzen illustriert werden, sondern mit aussagekräftigeren Fotos.

Arnold Odermatt, Buochs 1965, © Archiv Arnold Odermatt, Urs Odermatt, Windisch

Die Bilder von Arnold Odermatt waren deshalb speziell, weil er erstens immer versuchte neben den rein dokumentarischen Bildern stimmungsvollere Fotos nach seinem Geschmack aufzunehmen. Zweitens wurden seine Bilder von den Richtern besonders geschätzt, weil diese den Schadenplatz wenn immer möglich von einem erhöhten Standort aus zeigten – später vom Dach des Dienst-VW-Busses aus – was eine aussagekräftigere Übersicht der Situation ergab. Für Arnold Odermatt war das Fotografieren eine grosse berufliche Erfüllung, obwohl sich kaum jemand wirklich um sein Tun scherte. Was aus der Kamera, beziehungsweise aus der Dunkelkammer von Odermatt kam, trug fotografisch eine eigene und unverwechselbare Handschrift. Dies erkannten auch die Berliner Galerie Springer & Winckler sowie der Verleger Gerhard Steidl, Göttingen, die den Wert dieser Arbeiten zu schätzen wussten, nachdem sein Sohn Urs Odermatt die Bilder seines Vaters an diese Kunstszene weitergegeben hatte.

Nach verschiedenen Ausstellungen, unter anderem in der Viewpoint Gallery im englischen Salford (1996), bei Springer & Winckler in Berlin (2000), im Centre de la photographie in Genf (2001), im Museum Morsbroich in Leverkusen (2002), schafften die Werke von Odermatt mit der Präsentation von 32 Bildern auf der Biennale in Venedig 2002 den Durchbruch – Arnold Odermatts Bilder wurden einhellig in der Kunstszene anerkannt. Unzählige weitere Ausstellungen und Publikationen folgten (siehe Archiv Arnold Odermatt und Wikipedia).  

Arnold Odermatt, Standstad 1967, © Archiv Arnold Odermatt, Urs Odermatt, Windisch

Was ist das Besondere an Odermatts Bilder? Einmal die Tatsache, dass sie Motive zeigen, die man normalerweise nicht sehen bekommt, weil kaum jemand die Gelegenheit hat Unfallsituationen unaufgeräumt zu fotografieren. Kommt hinzu, dass die meisten solcher Bilder in den Polizeiakten verschwinden und selten den Weg an die Öffentlichkeit finden. Das dies bei Odermatt möglich war, verdanken wir seinem Sohn Urs Odermatt, der den Wert und die Einzigartigkeit der Bilder seines Vaters erkannte. Dann war es die Gabe von Arnold Odermatt seine Bilder auf das Wesentliche zu konzentrieren und Elemente, welche von der Bildaussage abgelenkt hätten, wegzulassen. Und drittens ist es die Perfektion, die Arnold Odermatt in seinen Fotos pflegte, mit einem geradezu kompositorischen Bildaufbau und einer makellosen handwerklichen Verarbeitung.

Vier wichtige Bücher dokumentieren Arnold Odermatts Lebenswerk: «Kambolage» (2003), «Im Dienst» (2006), «In zivil» (2010) und «Feierabend» (2016)

Arnold Odermatt hinterlässt uns mit seinem Archiv, das weiterhin von seinem Sohn Urs Odermatt und dessen Partnerin Jasmin Morgan in Windisch verwaltet wird, und seinen vier wichtigen Bildbänden «Kambolage» (2003), «Im Dienst» (2006), «In zivil» (2010) und «Feierabend» (2016) ein grossartiges fotografisches Vermächtnis. Zwar zeigen die Bilder von Arnold Odermatt auf einzigartige Weise ein tristes Zeitgeschehen, doch verstand er es seinen Werken eine ganz besondere Sprache zu verpassen, die oft mit einer Prise Ironie und Situationskomik gewürzt ist.

Jetzt ist der Auslöser von Arnold Odermatts Kamera für immer verstummt. Bleibt uns die Erinnerung an einen Polizisten, der den Weg in die Ränge der grossen internationalen Fotografen geschafft hat.

Urs Tillmanns

Lesen Sie auch
«Arnold Odermatt – Opus Magnum eines Dorfpolizisten» (Fotointern 22.01.2017)

 

Ein Kommentar zu “Polizeifotograf Arnold Odermatt ist verstorben”

  1. Ein toller Bericht, untermalt mit den für sich selber sprechenden Bildern von Herrn Odermatt! Die Schwarz-Weiss-Fotografien sind ausgezeichnet. Trotz des dokumentarischen Anspruchs sind sie sehr ansprechend und erzählend.

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