David Meili, 3. Mai 2009, 08:54 Uhr

Wir „Dumpfbeutel“, André Reithenbuch auf Tillate und wie vergrössert man einen Pool

Pressespiegel zum Wochenende vom 2./3. Mai 2009
Als „Dumpfbeutel“ bezeichnete Verleger Michael Ringer an der Bilanzpressekonferenz vom 24. Mai Blogger und einen Grossteil des Internet-Journalismus. Auch wenn er sich dabei auf den Buchautor Andrew Keen berief, zeigt der Gefühlsausbruch eine tiefe Abneigung gegenüber der wachsenden Konkurrenz für seine gedruckten Blätter.

Die Konkurrenz entsteht nicht zuletzt im eigenen Haus. Der Bereich „New Media“ verzeichnet immerhin einen Zuwachs um 100 Prozent. Wesentlich dazu bei trug auch das verschupfte „Cash„. Es wird nach dem Weggang des engagierten Chefredaktors und Blattmachers Rüdi Steiner in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Die Online-Medien setzten selbst der SDA zu. In einem Beitrag von SF DRS wurde deutlich, dass Newsnetz mit aktuellen Meldungen oft eine halbe Stunde schneller ist als die von den Verlegern getragene nationale Institution, deren Strukturen in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückgehen. Wie damals wird auch heute jeder Beitrag vor der Publikation rückbestätigt, und dies braucht von Bern aus seine Zeit. Nicht zu verwundern, dass Unternehmen und Organisationen die Presse direkt mit journalistisch aufbereiteten Beiträgen beliefern, die nicht erst umgeschrieben werden müssen.

Neue Zeichen setzte damit SWISS. Die Kommunikation über den Wechsel auf dem Chefsessel wurde direkt auf Facebook für die Mitglieder der Facebook-Gruppe aufgebaut. Facebook entwickelt sich rasch zu einer Art Intranet, und nicht zuletzt zu einer ernsthaften Konkurrenz für noch auf WEB 1.0 basierende Medien.

090502_reithebuchFür die Berichterstattung über die Mister Schweiz-Wahl muss man schnell, sehr schnell sein. Zudem müssen für alle möglichen Sieger Home-Stories und weitere Goodies für die Leser/innen vorproduziert werden. Doch nur Einer wird gewinnen, und nur eine Geschichte und eine Fotostrecke lässt sich im SonntagsBlick und der Schweizer Illustrierte als Medienpartner publizieren. Das Team hat seine Ziele auch auf dem Internet erreicht. Für die Aufnahmen im Sonntagsblick zeichnen Karl-Heinz Hug und Philipp Zinniker. Wer bessere Bilder sehen möchte, geht auf Tillate. Good luck, André Reithebuch, bilde Dich brav weiter mit dem „Fridolin“ und verfalle nicht dem Whiskey. Milch oder Red Bull wären werbewirksamer gewesen.

Im SonntagsBlick werden offensichtlich auch alte Abrechnungen unter Verleger- und Pressekollegen aus den Schubladen geholt. Hannes Britschgi und Marcel Odermatt kolportieren Interna aus dem Haus Tamedia. Wie bei der NZZ dürften mittelfristig auch an der Werdstrasse zwischen zwanzig und dreissig Prozent der Stellen in den Redaktionen abgebaut werden. Man dürft nicht überrascht sein, bereits im Tages-Anzeiger vom Montag auf eine Gegenattake mit Interna von der Dufourstrasse zu stossen.

090502_magazinZum Tag der Arbeit mussten die Redaktionen von Magazinen und Illustrierten nicht weit nach Themen suchen. DAS MAGAZIN beschreibt den Absturz von Bankern, und illustriert ihn mit inszenierten Aufnahmen von Robert Longo in New York. Im Nachspann erfolgt eine satte, unkritische Werbung für das Buch von Longo „Men in the Cities„, soeben in deutscher Sprache erschienen bei Schirmer/Mosel. Es bleibt ein schaler Nachgeschmack. Für Buchwerbung stellt Schrimer/Mosel die Aufnahmen kostenlos zur Verfügung.

Wie man das Thema „Gefeuert“ fotografisch auch hätte in Szene setzen können, zeigt der „stern“ (Ausgabe vom 30.4.09). Die Aufnahmen von Mareike Foecking ab Seite 26 ergreifen. Auf diesem Niveau und nicht mit verstaubter Konzeptkunst wünscht man sich wieder einmal eine Reportage in DAS MAGAZIN.

Dann stösst man in DAS MAGAZIN ab Seite 31 auf zwei Bilder von Melanie Winiger von Michel Comte, verbunden mit einem Schmusebeitrag von Barbara Klingbacher. Wetten dass: In zwei, drei, vier Wochen dürfen wir auch einen Beitrag nach dem gleichem Muster über Stress überblättern.

Das magazin zum SonntagsBlick bringt traditionsgemäss eine Vorschau auf die Ausstellung zum World Press Photo Award. Sie wird ab 8. Mai im Sihlcity in Zürich zu sehen sein. Bekanntestes und nicht unumstrittenes Bild ist die Aufnahme von Philippe Dutouit einer Band der Tuareg. Nach den Entführungen von ahnungslosen Touristen in den vergangenen Monaten ist der Ruhm der Stammeskrieger etwas verblasst. Doch man findet im Beitrag auch eine hervorragende Aufnahme von Paolo Verzone mit Sepp Blatter und Michel Platini an einem Kaviarbuffett in St. Petersburg; politische Fotografie jenseits der Anbiederung.

Die Fotos der Woche liefert Coop soeben in seinem Prospekt bau+hobby frei Haus. Bereits das Titelbild zeigt einen  arg gebeutelten Familienvater, der mitten in einer Wiese ein Loch aushebt und seine Kollegen im Schatten des nächsten Baums auf das nächste Bier warten lässt.

Doch es kommt noch bunter. Auf Seite 24 werden Gartenpools angeboten. Im Poolset Metal Frame oval blau vergnügen sich 13 Personen, –  Männlein, Weiblein und Kinderchen. Der grösste Pool ist 853 cm lang. Wie dreizehn Personen gleichzeitig darin schwimmen können, ist würdig fürs Guinessbuch.

Gibt es in der Schweiz ein Reservat mit so kleinen Menschen, ist der Pool doch grösser oder wurde er beim Preis von CHF 1 490. – vom Kartuschenfilter bereits geschrumpft? Wir tippen eher auf Photoshop.

Übrigens hat Andrew Keen seine Aussagen über „Dumpfbeutel“ längst relativiert. Auch er publiziert ja weitgehend auf dem Internet. Nur Michael Ringier und seiner Kommunikationsabteilung scheint dies entgangen zu sein.

http://de.wikipedia.org/wiki/Andrew_Keen

2 Kommentare zu “Wir „Dumpfbeutel“, André Reithenbuch auf Tillate und wie vergrössert man einen Pool”

  1. Schnelligkeit ist nicht alles.
    So tauchen immer wieder völlig abstruse Geschichten auf, die jeder Grundlage entbehren.

    Paradebeispiel war die Story von dem Anderthalbjährigen, der in Kalifornien seine vierjährige Schwester in einem Geschirrspüler ersäuft haben soll.
    Im Netz brachten es viele – von „Der Standard, über „die Welt“ bis zur „NZZ“. Dabei hätte ein Anruf beim Sherif der zitierten Orange County genügt, um festzustellen, dass die Story reine Erfindung war.

    Wo ist der recherchierende Journalismus geblieben???

  2. Guter Journalismus hängt nicht vom Medium ab. Man kann auch für Online-Publikationen seriös recherchieren und fundierte Beiträge schreiben. Wir bemühen uns täglich darum. Was Michael Ringier zu seiner Rundumschelte veranlasst haben kann, wird heute durch eine Pressemeldung deutlich. Sein „Blick-Online“ ist trotz Sex- and Crime und Shopping hochdefizitär. Doch dieses Problem ist hausgemacht.

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