David Meili, 13. September 2009, 10:07 Uhr

Kindfrau Ana, Volkswahl des Bundesrats durch die Medien, und wo bleiben gute Reportagen?

Pressespiegel zum Wochenende vom 12. / 13. September 2009
Die Bilanz der Woche zum Thema Kind auf SF DRS darf sich sehen lassen. Man blickt auf interessante und bereichernde Sendungen zurück. Selbst nach der von Peter Studer geäussersten Kritik, ob durch den aktiven Einbezug von Kindern nicht die Ernsthaftigkeit des Journalismus in Frage gestellt werde, bleibt offen, wie die Kinder im und vom  Fernsehen dargestellt wurden.
(Bildnachweis: Oscar Alessio, Medienstelle SF DRS).

Im Mittelpunkt stand die 11-Jährige Tagesschau-Moderatorin Ana Walter aus Dübendorf. Sie bot eine Leistung, die man als „professionell“ bezeichnete. SF DRS musste bereits während der Woche bestätigen, dass die Sendung intensiv gecoacht und von Erwachsenen bestimmt wurde.  Keine Überraschung war, dass sie, wie die meisten „Live“-Sendungen von SF DRS nicht live sondern zeitversetzt und dadurch sanft postproduziert über den Kanal ging.

Bei all ihrer Natürlichkeit wurde Ana wegen ihres Aussehens für diese Rolle bestimmt, und „in der Maske“ unübersehbar, weiter „verschönert“. Hatte man nun ein Kind vor sich oder eine zur Erwachsenen aufgebaute 11-Jährige? Der grosse Zuschauererfolg soll durch den „Jöh“- oder „Schnügel“-Effekt bedingt gewesen sein. Vielleicht hatte Ana auch andere Bewunderer.

Während man in der Werbung und in der professionellen Fotografie bereits vor mehr als zehn Jahren entweder auf gesetzlicher Basis (wie in Deutschland und England) oder auf einem Standeskodex (wie in der Schweiz) die Darstellung von Heranwachsenden als Erwachsene weitgehend geregelt hat und diese Regeln auch einhält, schien sich SF DRS darüber wenig Gedanken zu machen.

So wird in der Modefotografie Kindermode konsequent kindergerecht fotografiert. Kein Produktehersteller möchte mit Werbung im Grenzbereich in die Schlagzeilen kommen. Bei SF DRS sind diese Rahmenbedingungen entweder nicht bekannt, oder es ist niemand für die Einhaltung zuständig.

090913_lolitaDas andere grosse Thema, nun für die kommende Woche, ist die Wahl eines neuen Bundesrats. Der SonntagsBlick hat eine Kampagne um Christian Lüscher aufgebaut. Da lief mal etwas mit Lolita Moreno (Miss Schweiz 1982!). Lolita zeigte sich im Interview enttäuscht, dass Lüscher sich als Anwalt nicht für Tiere eingesetzt hat und nicht wollte, dass sie sich (als Seconda) als stolze Italienierin bezeichnet. Tier- und Fremdenfeindlichkeit sind im Wahlkampf eine geballte Landung. Voraussehen konnte man, dass auf der Titelseite des SonntagsBlick am Sonntag vor der Wahl sich Moreno bei Lüscher entschuldigt. Auf dem gleichen Bild findet sich auch Marianne de Cocatrix (wer war das?). Zwei vergessene Ex-Missen, ein Kandidat und alte Agenturbilder: Vier Gewinner. (Bildnachweis: SonntagsBlick).

(Update: Wie  Blick heute (14.9.) berichtet, betrachtet Christian Lüscher das Bild mit den beiden Ex-Missen als „Fotomontage“. Fotograf ist Michel Perret, und er mag sich sehr wohl an die Aufnahme erinnern.)

Damit löst sich auch die Diskussion über die Volkswahl für den Bundesrat auf. Die Sonntagspresse hat diese Aufgabe längst auf privatwirtschaftlicher und für die Parteien auf einer kostenneutralen Basis übernommen.

Ob Fotografen von Aufnahmen profitieren, die eines Tages zufällig wieder auftauchen, bleibt in den meisten Fällen offen. Viele Fotografen sind schlechte Strategen und verfügen nicht über finanzielle Mittel, um Rechte zurück zu behalten. Ein aktuelles Besipiel ist der mögliche Durchbruch von Andrea Vetsch. Sie baute ihre Karriere in unzähligen Shootings mit unterschiedlichen Agenturen und Fotografen auf. Vetsch verbietet nun auf ihrer Website die Weiterverwendung von Bildern, doch immerhin noch nicht den Link zu den Portfolios.

Gemäss sonntag.ch (Beitrag Sacha Ercolani) spielt Vetsch in einem Werbespot für Ikea in der Türkei eine schwedische Miss Universe. „Mein Typ ist dort gefragt, – hier gibt es viele, die so aussehen wie ich.“ Vetsch wird staunen, auf wie viele „Blondinen“ sie in den Studios der Millionenstadt Istanbul trifft. Doch immerhin bringt sie mit echten blonden Haaren ein Alleinstellungsmerkmal mit an den Bosporus, und neue Erfahrungen und Bilder in die Schweiz zurück.

090913_dasmagazinBereits vor einer Woche fanden wir keine wirklich überzeugende Text- Bildreportage in der Sonntagspresse. DAS MAGAZIN lobt Kalifornien in einem vielleicht zu ausführlichen Beitrag von Peter Haffner als Zukunftsland. Illustriert wird die Bestandesaufnahme durch Bilder von Winni Wintermeyer im Stil eines Road Movies. Dann sinkt das Layout von einer Seite auf die andere visuell in mittelmässige Werbung ab, und Peter Haffner plaudert im Text munter weiter.

Das magazin zum SonntagsBlick bringt dieses Wochenende keine Fotoreportage aus dem eigenen Haus und beschränkt sich auf zugekaufte Agenturbilder.  Auf Seite 66-67 findet sich ein bizarrer Beitrag von Lilith Frey, ehemals Kulturredaktorin beim Blick und Ehefrau von Frank A. Meyer. Thema ist das Künstlerduo Pierre et Gilles mit einer Retrospektive in Berlin. Der Text ist kultverdächtig schnulzig. Abgeschlossen wird die Kultur-Doppelseite sinnig mit einem Kurzbeitrag über die Ausstellung von Plastik-Dinosauriern im Zürcher Hallenstadion. Vielleicht hat sich jemand einen Scherz erlaubt.

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