David Meili, 4. April 2010, 10:51 Uhr

Osterregen vor dem Hyatt, Sparen an General Guisan und Heidi aus dem Schoggitopf

Pressespiegel zum Oster-Wochenende vom 3./4. April 2010
Die Tage vor Ostern sind für eierfärbende Hasen wie für Redaktionen alles andere als geruhsam. Für einige, meist ereignislose Tage müssen Beiträge vorproduziert werden. Und wenn es doch zu Ereignissen kommt, findet man sie allenfalls in der internationalen Politik und in Minuten auf dem Internet. (Bildnachweis: Blick-Online)

So ist die Ausbeute an guten und aktuellen Beiträgen und Bildern in den Printmedien an diesem verregneten Ostersonntag mager. SonntagsBlick gelang es tatsächlich, Carl Hirschmann wieder in freier Wildbahn zu erwischen, Bildautor nicht erwähnt. Wir gehen davon aus, dass dafür gute Gründe bestehen.

Wenn Hirschmann nun das Hyatt belebt, vereinfacht er die Arbeit für die Journalisten. Die Schauplätze für die Never Ending Story sind nun alle zu Fuss erreichbar (inkl. Bezirksanwaltschaft). Hinweis für Debütantinnen: Mit 18 bist Du raus, auch aus dem Fokus der Zürcher „People-Presse“. Ex-Blick-Mitarbeiter sind ganz nah und genüsslich an der Szene (Sonntag.ch, Seite 7).

Folgerichtig stellt der SonntagsBlick die brennende Frage, ob alle unsere Töchter Schlampen sind? Sie wollen doch nur spielen, sagt der Psychologe Thomas Spielmann dazu. Verzweifelt suchen wir nach einem entsprechenen Editorial des Chef-Redakteurs und einer Stellungnahme von Frank A. Doch vielleicht haben die Herren keine Töchter in diesem Alter, noch keine Meinung zum Thema oder sind in den Osterferien.

Ein grossartiges Fussball-Bild ist Aufmacher im Sportteil des SonntagsBlick. Es zeigt den umstrittenen Skorer Doumbia in „action“. Wie weit Doumbia die Spielregeln für sich auslegte, bleibt offen. Dass Fotografien nachträglich als Beweismittel für unfaires Verhalten oder Fehler von Schiedsrichtern verwendet werden dürfen, bestreiten die Fussballverbände seit den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Mit den Fortschritten in der Fotografie und im HD-Video weigern sich die zumeist betagten Funktionäre hartnäckig, über die Bücher zu gehen. Im Pferdesport sind diese Beweismittel seit Jahrzehnten etabliert. (Bild: Keystone, Fotograf nicht erwähnt)

Auch die mit Sportbildern überzeugende NZZ am Sonntag bringt für den Eye-Catcher mit Christian Gross lediglich den Bildnachweis als „Foto-Net“, obgleich die Sportfotografie oft sehr viel mehr Emotionen überträgt als die Berichterstattung im Text.

Le Matin de Dimanche befasst sich fundiert mit den 3D-Übertragungen der Fussball-WM in Kinos, die über 3D-Anlagen verfügen (Seite 3, noch nicht online). Nach den Kassenerfolgen von Avatar und Alice und Opernübertragungen von Pathé in Kinosäle ist dieser Schritt in greifbare Nähe gerückt. Kleinkinos, wie das Kino Claudia in Kloten waren Pionier  für Live-Übertragungen wie für 3D.  Brian Jones, CEO Pathé Schweiz, sieht im oberen Marktsegment der Fussballfans für seine Multiplex-Kinos mehr als nur einen Marktlücke. Im  Gegensatz zu realen Spielen dürften kaum Hooligans auftauchen, und das Bier wird in einem kultivierten Umfeld ausgeschenkt. Familien mit fussballbegeisterten Kindern sind willkommen.

Die Fotoszene scheint die Entwicklung zu 3D zu verpassen. Im Gespräch mit einem Fachverkäufer im Mediamarkt zeigte sich, dass 3D-Systeme von Fuji, die mit Bilderrahmen auch ohne Brille funktionieren, vorwiegend von Touristen aus dem Nahen Osten gekauft werden.

Der von SF DRS lange angekündigte Beitrag mit bis anhin wenig bekanntem historischem Bildmaterial über Henri Guisan zeigte den General vorwiegend auf dem Pferd. Für eine Aufarbeitung der Filmsequenzen, die  Historikern längst bekannt sind, fehlten offensichtlich die Mittel. Guisan ruckelt bei der Vereidigung vor der Bundesversammlung chaplinesque . Da hat jemand beim Schnitt das falsche Menu angewählt.

In Erinnerung bleibt eine frühere Kopie, die durchaus in die Bildfrequenz aus den Rollen der Wochenschau umgesetzt war. Wir nehmen an, dass jemand Ton- und Filmspur bei der aktuellen Digitalisierung verwechselt hat.  Umso peinlicher ist der Umgang mit historischen Filmdokumenten in dieser „Dokumentation“, weil zuvor eine perfekte Restaurierung, unterstützt von MEMORIAV, von „Ueli der Knecht“ von Franz Schnyder über den Sender ging.

Das DAS MAGAZIN bietet uns zum Thema Guisan inhaltlich nicht mehr. Illustriert wird das gespenstische Streitgespräch, moderiert von Martin Beglinger zwischen Markus Somm und Georg Kreis mit einem Bild von Yale Joel aus der Datenbank von Getty. Für mehr hat das Budget auch dort nicht gereicht. Somm weibelt für seinen über Jahre erarbeiteten historischen Roman über den General und hat sich (Vorabdruck in Sonntag.ch) in einen irrationalen Patriotismus verwirrt. Unterstützt wird sein neues Geschichtsbild durch zu Propagandazwecken angefertige Fotografien aus der Kriegszeit, die völlig aus dem historischen Kontext gerissen präsentiert werden.

Die Schweiz wird an diesem Wochenende offensichtlich von ihrer Geschichte auch in Bildern eingeholt. Die Weltwoche bringt die oft diskutierte und verdrängte Aufnahme vom Staatsempfang von 1982 in der DDR. Helmut Hubacher gratuliert herzlich Erich Honecker, und Organisator Peter Vollmer steht mit halbgefalteten Händen dahinter. Diese Vergangenheit ist für uns definitiv und für die SP nicht bewältigt, und solche Bilder aus der Zeit der analogen Fotografie lügen nicht. Erstmals wird auch der Fotograf erwähnt (Rainer Mittelstädt) und als Quelle das (deutsche) Bundesarchiv. Das Bild ist offensichtlich nicht online, weil zusätzliche Lizenzgebühren abgegolten werden müssten.

Das ZEITMAGAZIN überzeugt mit einer Ausgabe zum Thema Typisch Jüdisch? Als Autoren zeichnen Gil Bachrach und Olga Mannheimer. Das Spektrum der Beiträge ist weit gefächert und vielschichtig. Das Heft ist eine bereichernde Lektüre vor dem Kaminfeuer, auf einer langen Zugfahrt. Für die Bebilderung wurden die besten Porträts der „Juden“ von Agenturen beigezogen. So wird die aktuelle Ausgabe des ZEITMAGAZIN zum State of the Art der Porträtfotografie, unbedingt sehens- und lesenswert.

„Klostergärtner erhängte sich“, titelt Sonntag.ch. Am 28. August 1965, geschah das Drama in Engelberg. Doch der sich im Journalismus und sich als fortschrittlich bezeichnenden und vom Stellenabbau bedrohten Zeitung fällt nichts anderes ein. Chris Iseli hat immerhin Otmar Hitzfeld porträtiert. Das Outfit unseres N ationaltrainers ist perfekt ins Bild gebracht.

Wo findet man in der Oster-Presse noch gute und fair bezahlte Bilder? Sonntag.ch illustriert den Aufhänger über Mehrwert-Tarife der SBB mit einem Bild aus der Pressemappe der SBB. Dann folgt in der ausnehmenden mageren Ausgabe ganz einfach nichts mehr, das fotografisch relevant ist. Schade.

Osterstimmung verbreiten die Kinderbilder von Marc Renaud und Sabine Wunderlin im magazin zum SonntagsBlick. Sabine Wunderlin porträtiert auf nachfolgenden Seiten Michael von der Heide. Weil für DSLR im Vollformat nun hochkarätige Weitwinkelobjektive zur Verfügung stehen, geht man näher die Menschen. Der gleiche Trend zeichnete sich in der Reportagefotografie der siebziger Jahre (20. Jahrhundert) ab und kam aus Paris.

Nachdem wir über den bizarren Schoko-Hasen-Test in der Coop Zeitung mit Nubya berichteten, erwarteten wir nicht, dass das Migros Magazin so rasch dieses delikate Thema aufnimmt. Jennifer Mulinde-Schmid kennt man als dunkelhäutige Standesbeamtin im gleichnamigen Film von Micha Lewinsky, wenn man ihn gesehen hat.

Jennifer, waschechte Klotenerin, bekennt  als Tochter einer Mutter aus Uganda freimütig, dass sie in der Schweizer Filmszene nur  als „Putzfrau, Prostituierte und Adoptierte“ mitspielen könne. Sie hat sie sich eine neue Rolle als Stand-up Comedian für RTL 2 selbst ausgedacht: Heidi fiel als Baby in einen Schoko-Topf. Nathalie Bissig hat die quirlige und qualifizierte Schauspielerin für das Migros Magazin porträtiert.

2 Kommentare zu “Osterregen vor dem Hyatt, Sparen an General Guisan und Heidi aus dem Schoggitopf”

  1. Ist das doch fein, dass DM für uns die Sonntags-Presse durchackert. Danke. Wir bekommen somit keine dreckigen Hände von der Druckerschwärze und Altpapier fällt auch keines an. Das gesparte Geld können wir in «Gipfeli» inverstieren.

  2. Danke. Heute habe ich wirklich nicht viel gefunden. Ich suche ja stets nach fotografisch interessanten High-Lights. Wenn ich etwas verpasst habe, liebe Leser/innen, meldet Euch.

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