David Meili, 24. April 2011, 11:10 Uhr

Bianca Gubser im Cockpit, gepixelter Papst, und gibt es Easter Eggs in Kameras?

Pressespiegel zum Osterwochenende vom 23./24. April 2011
Kurt W. Zimmermann nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er von seiner einsamen Insel Weltwoche aus über den früheren Arbeitgeber Tamedia herzieht. „Biss ins Gnadenbrot„, lautet sein aktueller Beitrag (Weltwoche vom 20. April 2011). Nochmals zusammengefasst: Tamedia will kein TV und Radio mehr machen und die Stationen und Lizenzen dem Meistbietenden verkaufen. Tamedia Präsident Piero Supino hat beispielhaft kommuniziert und an der Bilanz-Medienkonferenz seine eigenen Unternehmen als „Schlachtvieh“ (Zimmermann) auf den Markt gestellt. Kein Bauer würde unrentable Milchkühe auf diese Art anpreisen.

Doch das Empire schlägt zurück, mit zwei Magazinen, die Werbemarkt und Fotoszene aufmischen. Am Osterwochenende erreicht uns  DAS MAGAZIN et cetera und FINEST. Ersteres als Beilage zu DAS MAGAZIN und FINEST zur SonntagsZeitung. Beide Hefte verfolgen einen einzigen Zweck, möglichst viel von der Luxuswerbung an die Werdstrasse abzuleiten. FINEST besteht sozusagen nur aus Product Placement. Geschätzte Journalist/innen, wie Karin Oehmigen schreiben PR-Beiträge, wie wenn sie ihr Gnadenbrot verdienen müssten. Beim Thema Auto, wie übrigens auch im Tages-Anzeiger, kann man Redaktion, PR und Inserate kaum unterscheiden.

Nahezu Karikatur ist der Beitrag über Bianca Gubser. „Stil hat nichts mit Geld zu tun“. Das bisschen Nichts ist ein Schnäppchen für CHF 2 350.-, die Schühchen werden für CHF 1 090.- beworben. Zum Abschluss der Reportage setzt sich Bianca mit Rolex und RayBan ins Cockpit eines Privatjets. „Pilotin ist sie zwar noch nicht. Aber das kann ja noch werden.“ (Text: Claudia Schmid, Bilder im Stil von Annabelle: Siro Micheroli und Heiko Hofmann). Tipp: nulu ist das bessere Modemagazin und liegt auch gratis bei.

Noch seltsamer ist die Schwesterproduktion, DAS MAGAZIN et cetera. Es ist ein Themenheft, sehr, sehr originell, in Erstausgabe zum Thema England. Im Editorial drückt sich Finn Canonica wie eine Katze um den heissen Brei, mit Begründungen, was dieses Heft überhaupt soll. Ziel dürfte das Inseratekombi mit FINEST sein, und die PR bewegt sich in der Form von Reportagen auf einem etwas höheren Niveau. Der Beitrag über die „Kinder von Mayfair“ stammt aus den Federn von Sacha Batthyany und Roberta Fischli, die interessanten Fotos von Pierluigi Marcor. Es versteht sich, alles ist Very British. Es muss ja zum Jaguar-Inserat, zur Edelmode und zu USM Haller passen. Vorreiter des neuen Magazinjournalismus war zweifellos Max Küng.

Der Redaktion von DAS MAGAZIN mag man den Ausflug in die Welt der Schönen und Reichen für einige Tage auf Spesen gönnen. Wohin die nächste Beilage führt, wissen wir noch nicht. Wir bedauern, dass sie ihr Leibblatt bei diesen Seitensprüngen arg vernachlässigen. Die aktuelle Ausgabe kann man ebenso überblättern wie das SonntagsBlick magazin zu den Windsors. Weitere Perspektiven zeigt Christof Moser in seiem Medienkommentar in Der Sonntag auf. Wie die WOZ berichtete, übte Walter de Gregorio für sechs Wochen einen Beraterjob für Sepp Blatter aus und kehrt als führender Sportjournalist wieder in den Newsroom seines Medienkonzerns zurück. de Gregorio sieht darin keinProblem, wir schon.

Die Deutschen machen es besser. Die Magazine der führenden Tages- und Sonntagszeitungen sind alle lesenswert und überzeugen durch Bilder, die man nicht bereits gesehen hat. Mit wenig Budget bringt auch FEMINA diese Woche als Beilage zu LeMatinDimanche eine sehr gut gemachte Ausgabe. „Lire, une passion des femmes.“ (Sylvia Freda). Dann folgt ein Beitrag über Jeanette Kuster und Michèle Binswanger mit der Aufnahme von Matthias Auer, ein wirklich grossartiges Bild (Text: Cathérine Riva).

Die Kritik von Kurt W. Zimmermann an Tamedia ist durchaus berechtigt und die Fokussierung auf für die Werbung kurzfristig ertragsstarke Produkte zeigt die Tendenz auf. Es ist in diesen Monaten eine Win-Win-Situation für Werber und Verleger, und Tamedia erhält Arbeitsplätze für Texter/innen und Fotografen.

Doch so einfach kommt man nicht um den Begriff “ Gnadenbrot“ im Beitrag von Zimmermann herum. Dass sich der anspruchsvolle Journalismus immer mehr auf das Internet verlagert, begreifen die selbstzufriedenen Zürcher Verleger noch nicht. Im weit härteren Markt der Westschweiz hat man dies erkannt. In Basel ist die Entwicklung eingeleitet. Man muss nicht Kaffeesatz lesen können, um vorauszusehen, dass sich unsere Medienlandschaft bis Ende 2011 wesentlich verändern wird.

Wo findet man an diesem Wochenende gute Bilder? Wie zumeist im SonntagsBlick Sport, von Toto Marti bereits auf dem Titelbild. Dann folgt im Mittelteil die Preview auf das Buch von Tim Kölln, THE PELOTON. Man muss es kaufen (Rezension Daniel Leu).

Am 1. Mai wird Papst Benedikt XVI. seinen Vorgänger Karol Woityla seligsprechen. Die Polen haben fleissig am Denkmal ihres prominenten Landsmanns gebaut. Sensationell ist ein gigantisches LCD-Bild vor der zukünftigen Nationalkirche, das sich aus zehntausenden Minibildern von Gläubigen zusammensetzt, die dann auf Distanz den segnenden Papst vermitteln. Es ist ein technisches Meisterstück, und Johannes Paul II, der sich in Medien sehr gut auskannte, wird sich auf seiner Wolke freuen.

Das Bild der Woche dürfte zweifellos eine Momentaufnahme von Andreas Solaro im Auftrag der AFP sein. Sie zeigt die Übergabe des Kreuzes in der Karfreitagsprozession in Rom. Es ist nahezu seitenfüllend in LeMatinDimanche (Seite 13) in sehr guter Qualität abgedruckt. Auf dem Internet ist es nicht verfügbar. Es ist eine fotografisch hervorragende Leistung, wie sie keines der elektronischen Medien vermitteln kann. Doch wie hat Solaro das gemacht?

Andreas Solaro ist seit Jahren der Meister der digitalen Available Light Fotografie. Das Fotografieren zwischen Fernsehscheinwerfern, Lichtinszenierung und das Festhalten eines Bruchteils von Sekunden, – zweifellos eines der stärksten Bilder des Jahres. HDR, in der Kamera? Aus urheberrechtlichen Gründen können wir diese Aufnahme leider noch nicht übernehmen. LeMatinDimanche ist bis am Ostermontag um 18 Uhr am Kiosk erhältlich.

Die Sensation des Tages lancieren im SonntagsBlick Hannes Brischgi und Marcel Odermatt. Ursula Wyss ist zum zweiten Mal schwanger und steigt nicht in den Wahlkampf für den Ständerat. Peter Gerber hat die nicht mehr ganz junge Mutter über den Dächern von Bern aufgenommen. vermutlich ist das Bild „cutted and pasted“. Dann folgt die ergänzende Illustration des trauten Paars. Das nächste Bild hat einen ehrlichen Nachweis „Ausriss Schweizer Illustrierte“. Da war nur Der Sonntag etwas lockerer. Das hervorragende Ganzkörper-Porträt von Cédric Wermuth auf Seite 6 ist lediglich mit ex-press.ch signiert.

Ebenfalls in Der Sonntag wird Michael von Graffenried zum Tod von Tim Hetherington in Misrata befragt. Der nicht publizitätsscheue von Graffenried hat Tim offensichtlich nicht gekannt. fotointern.ch traf Tim bei einer Preisverleihung damals in Zürich. Aus dem Bauch heraus behauptet von Graffenried, Tim sei zu weit gegangen. Sein Kommentar ist Mainstream, so wie man sich Fotografie in Krisengebieten als Leser vorstellt.

Im Ganzkörper-Porträt zu Ostern (Der Sonntag, Seite 11) ist nun Katja Stauber (Bild: Heike Grasser). Vielleicht wäre das Gesicht allein vorteilhafter gewesen, doch es passt nicht ins Layout. „Das Internet ist auch eine grosse Müllhalde. Da tummeln sich so viele Irre.“ Danke, Frau Stauber.

Die traurigste Ostergeschichte vermittelt uns Deborah Rast vom Blick Online, mit einem Bild von Toini Lindroos. Das Ehepaar Steiner in Teufenthal/AG „bäckt“ zum letzten Mal Schoggihasen. Liebe Kollegin, wenn das so geht, würde Dein Beitrag in der nächsten Ausgabe von Escoffier eingehen.

Easter Egg(s) sind versteckte Scherzprogramme und geheime Hinweise in Software. Kennt jemand ein Easter Egg in einer Kamera? Wir sind (noch) nicht fündig geworden.

2 Kommentare zu “Bianca Gubser im Cockpit, gepixelter Papst, und gibt es Easter Eggs in Kameras?”

  1. Liebe Redaktion,
    bitte, bitte, bitte lest die Texte nochmals bevor ihr sie ins Netz raushaut. Tim Hetherington hat nichts mit Heather zu tun – schon gar nicht wenn man ihn selbst schon mal getroffen hat. Und der Ort in dem dieses traurige Ereignis stattfand heisst Misrata. Ohne als „Tüpflischisser“ zu gelten – ich kann diese Schreibfehler überall nicht ertragen!

  2. Danke für den Hinweis.
    Wir haben am Oster-Sonntag als kleine Publikation nur unsere Leser/innen, die uns bei den Korrekturen helfen.
    Ich war an jenem Abend im Sihlcity persönlich mit Tim am gleichen Tisch. Er hat ein grossartiges Werk hinterlassen, und ist gar nicht der Typ, der mit der Kamera ins Kanonenfeuer rennt. Soweit ich es beurteilen kann, ging er stets auf Menschen zu. Das hat mich auch betroffen gemacht. Ich hätte ihn gerne wieder einmal gesprochen.
    Den Kommentar von Michael von Graffenried finde ich deshalb deplaziert, weil das Team ja von den „Rebellen“ „embedded“ war. von Graffenried war in Algerien auch in entsprechenden Operationen. Nur so konnten seine Bilder entstehen. Vielleicht ist es die Stunde der Heuchler.

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