Urs Tillmanns, 28. August 2011, 07:00 Uhr

Der Munot durchs Fischauge

Seit kurzem ist das EF 1:4/8-15 mm L Fisheye USM lieferbar. Die 180 Grad Bildwinkel zeichnen mit 15mm Vollformat aus und ergeben mit 8mm Brennweite ein kreisrundes Bild. Fotointern.ch hat das aussergewöhnliche Objektiv in der Praxis erprobt und damit den Munot in Schaffhausen besucht, eines der imposantesten Bauwerke der Schweiz.

Eigentlich hatte alles damit begonnen, dass Olivier Vermeulen, Fachberater bei Canon (Schweiz) AG, mit seiner Familie in seinen Ferien eine Fahrradreise durch die halbe Schweiz (!) unternommen hatte und auch in Schaffhausen Halt machte. Dabei ist ihm das gewaltige Bauwerk, das die Stadt Schaffhausen krönt, nicht entgangen. «Jetzt müsste man das neue Canon Fisheye-Zoom 8 bis 15 mm dabei haben …» meinte er, und als es dann lieferbar war, bekam ich es zum Test. Hier sind die Bilder vom Munot, lieber Olivier, die Du damals nicht machen konntest. Und übrigens: Das 8 bis 15 mm macht Riesenspass …

So präsentiert sich das Wahrzeichen von Schaffhausen. Einst die uneinnehmbare Stadtfestung dient der Munot vor allem gesellschaftlichen Anlässen

Der Munot …

Wer die mittelalterliche Wehranlage noch nie anlässlich einer Schulreise oder auf der Feriendurchreise besucht hat, sollte dies gelegentlich nachholen, denn das Bauwerk ist wirklich einzigartig und sehenswert. Es wurde von 1563 und 1585 nach Plänen von Albrecht Dürers teilweise in Fronarbeit erbaut, doch war es bereits nach seiner Fertigstellung bereits von militärisch frgawürdigem Wert. Sein eigenartiger Name kommt übrigens von altdeutschen «Unnot» – eben «keine Not» – und sollte als uneinnehmbare Festung jedem Feind trotzen.

Die Sonne voll mit im Bild! Das Objektiv und der Sensor der EOS 5D Mark II bewältigen diese Extremsituation besser als erwartet

Bewähren musste sich der Munot in dieser Rolle allerdings nur 1799 als sich die Franzosen kurze Zeit vor den Österreichern darin verschanzten. Danach zerfiel das Bollwerk allmählich, diente eine Zeitlang sogar als Steinbruch, bis es zu Beginn des 19. Jahrhunderts restauriert und am 30. Oktober 1839 mit einem grossen Volksfest neu eingeweiht wurde. Seither ist der Munot nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel, sondern er wird auch rege für gesellschaftliche Anlässe genutzt. Übrigens: Die Wohnung im Munotturm ist ganzjährlich bewohnt. Der Munot-Wächter schaut hier zum Rechten, gibt acht, dass das Schaffhauser Wahrzeichen nicht wieder von den Österreichern beschossen wird und läutet jeden Abend um sechs Uhr von Hand das legendäre Munot-Glöckli – damit die Schaffhauser gut schlafen …

Die Nordostseite des Munot mit der Stadtmauer und dem Wehrturm. Bei den 180 Grad Bildwinkel nimmt man die Fisheye-typische Verzeichnung gerne in Kauf

… und das Canon EF 1:4/8-15 mm Fisheye USM

Ja, ich weiss, dass die Bilder verzerrt sind. Das ist der typische Bildeffekt eines Objektivs mit 180 Grad Bildwinkel. Fisheye-Objektive mit ihrem kreisrunden Bildformat wurden ursprünglich für die Wetterdokumentation und die Horizont-Fotografie entwickelt. Fotografisch schienen sie wenig attraktiv, weil die extreme tonnenförmige Verzeichnung bald verleidete. Man hatte sich an dem Effekt und den kreisrunden Bildern bereits in den 1960er-Jahren sattgesehen, und seither haben nahezu alle Hersteller diese Boliden nur noch für Sonderanwendungen und nicht zuletzt auch aus Prestigegründen weiter entwickelt.

Die Kasematte des Munot zeigt die verschiedenen Konkaven und den Lichteinfall durch die vier Meter dicke Decke

Die Decke der Kasematte zeigt mit der 8mm Brennweite eine volle 180 Grad Ansicht

Man mag den Effekt hassen oder lieben, Tatsache ist, dass sich mit Fisheye-Objektive Aufgaben und Ansichten realisiert werden können, die auf keine andere Art zu bewerkstelligen sind. Wer sich das Zweitausendzweihundert Franken schwere Objektiv leisten kann und will, hat entweder einen ganz speziellen fotografischen Plan im Kopf – oder einfach einen riesen Spass. Spass, weil dieser Effekt zur bildlichen Übertreibung reizt und von wissenschaftlich bis kreativ auf aussergewöhnliche Weise genutzt werden kann.

Der Aufgang zum Dach hat keine Stufen, damit dieser auch mit Pferden begangen werden konnte

Die extreme tonnenförmige Verzeichnung kann auch kreativ genutzt werden

Von Kreisrund bis Vollformat

Während das EF 1:4/8-15 mm L Fisheye USM bei APS-C Kameras immer das volle Format auszeichnet, spielt es mit der vollformatigen EOS 5D Mark II seine Stärken aus. Bei 8 mm bildet es die 180 Grad in einem kreisrunden Bild ab, während es bei 15 mm das Format astrein und beeindruckend scharf bis in die Ecken auszeichnet. Ich bin mit Superlativen immer sehr zurückhaltend, aber was da den Canon-Optikern gelungen ist, ist wirklich eine optische Glanzleistung.

Die Zinne des Munot ist mehrmals pro Jahr ein riesiger Festplatz. im Hintergrund der Munt-Turm, Domizil des legendären Munot-Wächters an absolut unverbaubarer Lage ….

Die Gegenlichtblende ist übrigens ein absolut unverzichtbarer Teil des Objektivs, weil die Frontlinse weit über die Objektivfassung hervorsteht. Teure Beschädigungen sind vorprogrammiert, wenn man auf die Sonnenblende verzichten will oder das Objektiv häufig (und unachtsam) bei 8mm Brennweite verwendet. Canon relativiert, weil die Front- wie auch die Hinterlinse mit Fluorbeschichtung vergütet sind. Dennoch ist Vorsicht für das teure Teil angesagt.

Die Aussicht über die ganze Stadt mit 15 mm Brennweite fotografiert. Von der Orientierungstafel bis zum Kohlfirst ist alles scharf

Sensationell ist auch die Vergütung des Objektivs. Aus Jux und Tollerei habe ich den Munot gegen die volle Sonne fotografiert (siehe zweites Bild). Ich rechnete mit Nebenbildern und zeichnungslosen Schatten und wurde mit einer Kontrastleistung überrascht, die zur analogen Zeit niemals zu bewältigen gewesen wäre. Allerdings muss man hier auch dem Dynamikumfang des Sensors der EOS 5D ein Kränzchen winden …

Dass das Objektiv über einen sehr schnellen, lautlosen und ringförmigen USM-Autofokus verfügt, spielt bei diesem Brennweitenbereich wohl eher eine untergeordnete Rolle, denn die Schärfentiefe, besonders im 8mm Vollformat, ist einfach umwerfend – was auch das Bild mit der Stadtansicht vom Munot aus mit der Orientierungstafel im Vordergrund verdeutlicht.

Die Gegenlichtblende ist bei 15mm ein absolutes Muss. Wird das Objektiv ohnediese bei 8mm Brennweite verwendet, ist grösste Vorsicht geboten, damit die vorstehende (und teure) Frontlinse nicht berschädigt wird

Wofür man Fisheyes wirklich braucht, ist eine gute Frage. Es sind damit Ansichten, Perspektiven und Bildwinkel möglich, die einzigartige Bilder ermöglichen – allerdings muss man dabei den typischen Fisheye-Effekt in Kauf nehmen. Allerdings, je häufiger man damit arbeitet, desto mehr macht diese Extremfotografie Spass. Und je mehr Spass man damit hat, desto häufiger kommen die kreativen Eingebungen …

Urs Tillmanns

Weitere Informationen zum Canon EF 1:4/8-15 mm L Fisheye USM und zum Munot in Schaffhausen.

Beachten Sie auch den Beitrag von Markus Zitt, der das Objektiv auch auf einer Canon EOS 7D (mit APS-C Sensor) verwendet hat.

 

 

 

 

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