Urs Tillmanns, 27. Dezember 2011, 09:15 Uhr

GfK: 2011 war schlechter als erwartet

Noch ist das Jahr nicht ganz zu Ende, doch der Vergleich mit dem Vorjahr lässt erkennen, das 2011 wirtschaftlich schlechter wird als erwartet. Wir haben dazu den Marktanalysten Jürg Zweifel der GfK Hergiswil befragt, der auch für das kommende Jahr keine signifikante Besserung sieht.

Fotointern.ch: Herr Zweifel, 2011 war ein bewegtes Jahr. Haben sich die Erwartungen erfüllt, oder wie hat es sich für die Fotobranche entwickelt?

Jürg Zweifel, Marktanalyst der GfK Hergiswil

Jürg Zweifel: Leider ist das Jahr 2011 deutlich schlechter ausgefallen als wir prognostizierten. Der Detailhandels-Rückgang dürfte bei rund 2,0 liegen und für den Multimediabereich (mit Unterhaltungselektronik, IT, Foto und Entertainment) liegt er sogar bei rund 4,0%. Dazu haben verschiedene unvorhersehbare Faktoren beigetragen, wie beispielsweise die Währungssituation mit dem starken Franken , dann aber auch Lieferengpässe und Verteuerungen gewisser Produkte durch die Naturereignisse in Japan und Thailand. Weiter kam die Eurokrise hinzu, von der die Schweiz zwar nur indirekt betroffen ist, die jedoch alle verunsichert hat, die Politiker und Unternehmer ebenso wie die Konsumenten. Das hat sich ganz eindeutig im Konsumentenstimmungsindex niedergeschlagen, der auch aufs Weihnachtsgeschäft hin weiter auf Talfahrt ist. Und mit der Konjunkturlage einher geht auch die Arbeitslosigkeit, die in der Schweiz wieder angezogen hat und deshalb auch auf 2012 schon Schatten wirft.

Der starke Franken schadet der Schweizer Wirtschaft enorm, auch schätzen wir, dass etwa 2,5 Milliarden Franken im Ausland ausgegeben wurden, die dem Schweizer Detailhandel jetzt fehlen.

Der Konsumentenstimmungsindex des Seco zeigt nach unten. Den Konsumenten fehlt die Kauflust.

Welches Bild ergibt sich konkret für den Schweizer Fotohandel?

Der Fotohandel hat noch ein weiteres Problem: Die qualitativ immer besser werdenden Smartphones beginnen nun das erste Mal spürbar auf die Umsätze im Kompaktkamerasegment zu drücken. Gerade junge Konsumenten sind mit der Bildqualität der Handies vollends zufrieden und nutzen beispielsweise den Vorteil, dass sie die Bilder direkt über die digitalen Sozialnetzwerke (z. B. Facebook) verschicken können. Das war mit den Kompaktkameras nur sehr beschränkt möglich. Jetzt haben die Kompaktkameras einen Einbruch von über 10% erlitten. Die Systemkameras wachsen zwar relativ stark, aber auch auf einem noch recht tiefen Niveau, so dass ihre Entwicklung nur einen kleinen Einfluss auf die Marktzahlen hat. Andere wichtige Segmente können auch keine Zuwächse verzeichnen. Spiegelreflexkameras legten zwar etwas zu (+8%), doch enden sie mit dem Preiszerfall schlussendlich imminus. Die Verkauf der Wechselobjektiven war dieses Jahr positiv; allerdings muss man in diesem Zusammenhang auch erwähnen, dass sich mit dem starken Frankenkurs auch der Graumarkt übers Internet wieder stärker bemerkbar machte. Wir gehen von einem Anteil von ca. 20% aus.

Dank den Wechselobjektiven konnte sich der Fotomarkt im 2011 noch halten

Wie haben sich die Smartphones entwickelt?

Smartphones sind gegenüber den Kompaktkameras unverändert auf der Überholspur, weil vor allem die junge Käuferschaft mit der Bildqualität (eine unter vielen Funktionen) zufrieden ist. Diese hat gerade in diesem Jahr nochmals deutlich zugelegt. Ob allerdings die Bilder der Nachwelt erhalten bleiben werden, ist eine andere Frage. Smartphones haben 2011 in der Grössenordnung von 50% zugelegt,

Die Katstrophen mit dem Erdbeben in Japan und den Überschwemmungen in Thailand haben namhaften Firmen stark zugesetzt. Wie weit konnten die Produktionsausfälle wettgemacht werden?

Die Auswirkung lassen sich aus wirtschaftsanalytischer Sicht noch nicht abschätzen. Sicher konnten einige neue Produkte nicht rechtzeitig im Markt eingeführt werden, was bei den Importeuren und im Handel letztlich zu Einbussen führte. Das ist insofern nachteilig für die Branche, als es jetzt an innovativen Neuheiten fehlt, die beispielsweise das Weihnachtsgeschäft hätten ankurbeln können.

GfK hat kürzlich einen Bericht zum Branchenjahr 2011 veröffentlicht. Inwieweit weicht die Schweiz von den dort aufgezeigten Entwicklungen und Tendenzen ab?

Aus Schweizer Sicht gibt der Bericht tatsächlich ein zu positives Bild, aus den Gründen, die wir anfangs schon angesprochen haben. Aber international ein Prozent Wachstum ist auch nicht gerade berauschend – jedoch wesentlich besser als andere Branche, wenn wir zum Beispiel das Fernsehgeschäft betrachten, wo der Rückgang seit der letzten Fussball-WM substanziell ausfiel.

Abgesehen von den Naturkatastrophen ist es der starke Schweizerfranken, welcher die Händler zu massiven Preisnachlässen zwang. Wie wirkt sich dies auf die Ertragslage und auf die Entwicklung in der Branche aus?

Ja, ganz deutlich. Das sind die generell 20%, um die die Non-Food-Produkte in der Schweiz zu teuer sind, und die über Aktionen und Zuschüsse ausgeglichen werden müssen, damit die Schweizer Kaufkraft nicht noch stärker ins benachbarte Ausland ausweicht. Dabei sind es nicht nur die umliegenden Länder, die davon profitieren, denn das Internet hebt die Grenzen faktisch auf. Allerdings bleibt immer noch ein Überraschungsfaktor mit Gebühren und Zoll und dem Restrisiko, dass im schlimmsten Fall die Ware überhaupt nicht kommt …

Wie hoch ist der Internetanteil heute?

Dieser dürfte im Fotobereich etwa bei 20% liegen. Allerdings betrifft er nicht alle Segmente gleich stark. Bei preisgünstigen Produkten sind die Preisvorteile kaum lukrativ genug um aufs Internet auszuweichen.

Spiegelreflexkameras sind der Motor des Fachhandels. Wie hat sich dieser Bereich entwickelt und wie sieht die Tendenz aus?

Das Problem bei den Spiegelreflexkameras ist der Preiszerfall. Heute liegt der Durchschnittspreis bei rund 900 Franken, also wiederum rund 10% weniger als im Vorjahr, und da bleibt für den Fachhandel ein relativ kleiner Ertrag übrig. Noch extremer sind die Systemkameras, die um rund einen Drittel günstiger geworden sind und trotzdem in Europa immer noch nicht richtig vom Fleck kommen. Es ist ein neues Produktesegment, das sehr langsam anläuft, viel langsamer als beispielsweise auf dem japanischen Heimmarkt. Aus heutiger Sicht dürfte sich dieses Bild auch mindestens für das erste Quartal 2012 kaum wesentlich ändern, weil es an Innovationen fehlt, welche die Preiserosion stoppen könnten.

Die Preise sind weiter im Sinkflug, vor allem die Spiegelreflex- und die Systemkameras wurden 2011 deutlich günstiger.

Lässt sich daraus schon eine vorsichtige Prognose für 2012 ableiten?

Schon, aber leider keine sehr gute. Das Hauptproblem ist sicher die allgemeine Konsumentenverunsicherung durch die Eurosituation und den zu starken Franken. Wir dürfen die Eurokrise aus Schweizer Sicht nicht unterschätzen, denn sollte Deutschland aus der Währungsunion aussteigen, könnte das gesamte europäische Wirtschaftssystem einbrechen. Und die Verunsicherung im Euroraum überträgt sich letztlich auch auf den Schweizer Konsumenten. Andererseits haben wir die branchenspezifischen Probleme, wie der Rückgang des Kompaktkameramarktes und den Preiszerfall bei den Spiegelreflexkameras, die kaum schnell genug korrigiert werden können. Allerdings dürften die Hersteller hoffentlich 2012 von weiteren Naturkatastrophen verschont bleiben, so dass die dadurch bedingten Einbrüche wegfallen.

Herr Zweifel, wir danken Ihnen bestens für dieses Gespräch.

Das Interview führte Urs Tillmanns

 

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