Urs Tillmanns, 7. März 2015, 11:11 Uhr

Buchtipp: «Meinrad Schade – Krieg ohne Krieg»

Meinrad Schade befasst sich seit zehn Jahren mit dem Thema der Nachkriegsschauplätze. Er hat mehrmals die ehemalige Sowjetunion bereist zu den Nukleartestgebieten in Kasachstan, Tschetschenien, nach Wolgograd, nach Nagorny-Karabach, in die Ukraine – Gebiete, deren Namen uns aus den Nachrichten geläufig sind, doch können wir uns nicht vorstellen, wie die hart geprüfte Bevölkerung in diesen Gebieten heute lebt.

 

Diese Information zu vermitteln, hat sich Meinrad Schade vor über zehn Jahren zur Aufgabe gemacht. Er hat die ehemaligen Kriegsgebiete in der früheren Sowjetunion aufgesucht und dokumentiert in diesem Buch, was dort die Kampfhandlungen hinterlassen haben und in welch misslichen Verhältnissen dort die Menschen leben. Er dokumentiert zerfallene Städte, unbewohnbare Siedlungen, Menschen, die versuchen aus ihrer Situation das Beste zu machen und irgendwie zu überleben – vergessen von den Regierungen und vergessen von den Medien, denn für sie sind diese Gebiete längst uninteressant geworden.

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Meinrad Schade ist nicht auf Sensationslust aus, und er ist beileibe kein Kriegsfotograf. Meinrad dokumentiert Zustände, die weit jenseits von unseren Vorstellungsvermögen liegen, kommt mit Leuten in Kontakt, denen das Kriegsgeschehen und beispielsweise die Folgen der Atomwaffentests buchstäblich ins Gesicht geschrieben steht, und Landschaften, die für Generation unbewohn- und unbewirtschaftbar bleiben werden. Daneben stehen prunkvolle Denkmäler für die Helden der Sowjetunion, Siegeswahrzeichen aus dem Zweiten Weltkrieg, die allmählich zerfallen und von der Natur zurück geholt werden. Es ist eben nichts ewig …

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Meinrad Schades Buch «Krieg ohne Krieg» klagt an. Es klagt jene Verantwortlichen an, die sinn- und gedankenlos während Jahrzehnten hunderte von Nukleartest unweit bewohnter Gebiete durchgeführt haben, es klagt an für eine unvorstellbare Zerstörung ohne eine Wiedergutmachung für die leidende Bevölkerung, es klagt an, weil Menschen ihr Leben lang traumatisiert unter diesen Missständen leiden und mit bescheidensten Mitteln versuchen das Beste aus ihrer ausweglosen Situation zu machen. Das ist die Botschaft, die uns Meinrad Schade in seinem Buch vermitteln will.

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Das Buch ist keine Chronologie, noch ist es nach Krisengebieten geografisch geordnet. Die Reihenfolge der Bilder ist sehr subtil getroffen und führt den Betrachter mit einer bestimmten Logik von einem Höhepunkt zum nächsten. Es sind Bilder, die nachdenklich stimmen, die sich bei uns durch ihre Einmaligkeit und eine unmissverständliche Botschaft einprägen. Es sind Bilder, die Meinrad Schade in die westliche Welt bringt, um auf das Leben jener Menschen hinzuweisen, die in Ruinen leben und hilflos ihr Dasein fristen, während die Regierungen über neue Kriegsstrategien nachdenken. Krieg ohne Krieg?

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Und doch strahlen viele der Bilder eine positive Botschaft aus. Sie zeigen, wie sich die demoralisierte Bevölkerung nicht unterkriegen lässt, wie inmitten von Ruinen und Zerstörung der Alltag abläuft, wie wieder geheiratet wird und wie wieder neues Leben entsteht. Der Mensch ist zäh und sein Überlebenswille nicht zu brechen …

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Textlich ergänzt wird das Buch durch vier Essays von Nadine Olonetzky «Zwischen Krieg und Frieden», Daniel Wechlin «Last und Erbe der Vergangenheit im postsowjetischen Raum», Michail Schischkin «Expedition nach Kitesch oder Vorahnung von Donbass» und Fred Ritchin «Fragen im Echoraum des Krieges», die viel zum Verständnis von Meinrad Schades Botschaft beitragen und uns Wissenswertes und Hintergrundinformationen über die Zustände in den Krisengebieten vermitteln.

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Während sich das Buch auf die frühere Sowjetunion beschränkt, geht die gleichnamige Ausstellung, die gestern am 6. März 2015 in der Fotostiftung Winterthur eröffnet wurde und noch bis 17. Mai zu sehen ist, weit über diesen geografischen Raum hinaus. Es werden eindrucksvolle Bilder aus Israel und Westjordanland gezeigt, die den Bildern aus der Sowjetunion in Nichts nachstehen. Krieg ohne Krieg – und wann ist ein Krieg zu Ende?

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Weiter zeigt die Ausstellung Bilder der «War & Peace Show» in England, wo alljährlich hobbymässige Kriegsdarsteller in originalen Uniformen und mit authentischen Gerätschaften Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg nachspielen. Neben den Bildern von echten Kriegsschauplätzen wirken diese arrangierten Szenen schon eher peinlich und zeigen, dass Kriegsspiele offenbar viele Leute begeistern, die sich keine Vorstellung von echten Kriegsschauplätzen machen können – und wahrscheinlich auch nicht wollen.

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«Krieg ohne Krieg» ist nicht ein Buch, ist nicht eine Ausstellung. «Krieg ohne Krieg» ist eine Botschaft, die Meinrad Schade auf unüberhörbare Weise in die Welt hinausträgt – und noch weiterhin hinaustragen wird. Er hat sich damit einer grossartigen und sehr verdienstvollen Aufgabe verschrieben.

Urs Tillmanns

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Buchbeschreibung des Verlages

Wann beginnt ein Krieg und wann hört er wirklich auf? Spuren in der Landschaft bleiben, seelische Wunden werden an die Nachkommen weitergegeben. Der Dokumentarfotograf Meinrad Schade hielt ab 2003 in den Ländern, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden, ein fragil zwischen Krieg und Frieden schwebendes Alltagsleben fest: In Tschetschenien die Zerstörungen. In Inguschetien das Leben der Vertriebenen. In Kasachstan die Folgen der Atombombenversuche. In Nagorny-Karabach den Grenzkonflikt. In Russland und in der Ukraine die Erinnerungsrituale, die Paraden.

Das Buch präsentiert Schades Porträt-, Strassen- und Landschaftsaufnahmen in Bildpaaren und Bildfolgen, welche die Zusammenhänge und Konsequenzen ungelöster Konflikte deutlich machen. Nach einem Essay von Nadine Olonetzky zu den Folgen von Kriegen erläutert der Journalist Daniel Wechlin die politisch-historischen Hintergründe. Der Schriftsteller Michail Schischkin erzählt vom Untergang und Wiederaufbäumen des Sowjetimperiums. Und Fred Ritchin, Spezialist für Dokumentarfotografie, zeigt die Chancen und Grenzen der Reportagefotografie heute auf.

Das Buch erscheint zur gleichnamigen Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur (7. März bis 17. Mai 2015).

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Der Inhalt

Nadine Olonetzky – Zwischen Krieg und Frieden

Daniel Wechlin – Last und Erbe der Vergangenheit im Postsowjetischen Raum

Michail Schischkin – Expedition nach Kitesch oder Vorahnung des Donbass

Fred Ritchin – Fragen im Echoraum des Krieges

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Die Autoren

Nadine Olonetzky, (*1962, Zürich), Kulturjournalistin und Lektorin im Verlag Scheidegger & Spiess. Schreibt u. a. für die NZZ am Sonntag, Kataloge und Bücher zu Themen aus Fotografie, Kunst und Kulturgeschichte. Mitglied von Kontrast (kontrast.ch) in Zürich.

Fred Ritchin ist Dean of School am International Center of Photography (ICP) in New York, sowie Kodirektor des Photography and Human Rights Programms der Agentur Magnum und der New York University sowie Direktor und Mitbegründer der Agentur PixelPress, die mit digitalen Erzählformen experimentiert. Er ist ausserdem Autor mehrerer Bücher.

Michail Schischkin (*1961 in Moskau), Schriftsteller. Zunächst als Lehrer und Journalist tätig. 1995 Übersiedlung in die Schweiz und Tätigkeit auch als Übersetzer. Seit einigen Jahren lebt er in Moskau, Berlin und in der Schweiz. Auszeichnung mit allen drei wichtigen russischen Literaturpreisen: Russischer Booker Prize (2000), Nationaler Bestseller-Preis (2006) und Big Book Prize (2006, 2011).

Daniel Wechlin (*1977), Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung für Russland, den Kaukasus, Zentralasien, Weissrussland und die Ukraine mit Sitz in Moskau. Studium der Allgemeinen und Osteuropäischen Geschichte sowie der Russischen Literatur in Zürich.

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Bibliografie

Meinrad Schade – Krieg ohne Krieg
Fotografien aus der ehemaligen Sowjetunion
Herausgegeben von Nadine Olonetzky.
Mit Texten von Nadine Olonetzky, Fred Ritchin, Michail Schischkin und Daniel Wechlin
1. Auflage, 2015
Text Deutsch und Englisch
Gebunden, 264 Seiten, 161 farbige Abbildungen
mehrere Ausklappseiten
Format: 22 x 27 cm
Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich
ISBN 978-3-85881-452-4
Preis: CHF / EUR 54.00

Das Buch kann hier online bestellt werden

 

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