Foto: Urs Tillmanns Urs Tillmanns, 8. Juni 2015, 09:10 Uhr

Zu Besuch bei Nicéphore

Fotohistory.ch war auf Bildungsreise in Frankreich und hat in der Region von Chalon-sur-Saône die Spuren des Erfinders der Fotografie Nicephore Niépce gesucht. Sie führten im hübschen Burgunderstädtchen ins «Musée Nicéphore Niépce» und ins nahe gelegene St.Loup-de-Varennes, wo Niépce 1827 seine erste Fotografie gelang.

 

 

Fotohistory.ch, der Verein zur Erforschung der Geschichte des Fotohandels in der Schweiz, führte seine zweite Bildungsreise durch, die dieses Mal nach Frankreich führte. Die Gruppe wollte wissen, was heute noch in Chalon-sur-Saône an den Erfinder der Fotografie Nicéphore Niépce erinnert.

 

Auf den Spuren von Nicéphore Niépce

 

Foto: Urs Tillmanns

Das Denkmal zu Ehren von Nicéphore Niépce in Chalon-sur-Saône

Man wird in Chalon-sur-Saône recht schnell auf Nicèphore Niépce aufmerksam, und offensichtlich ist das schmucke Burgunderstädtchen recht stolz auf den Erfinder der Fotografie. Am auffälligsten ist das Niépce-Denkmal, das mitten auf der Place du Port Villette steht und den Erfinder auf einem Sockel mit seiner Kamera in recht stolzer Pose zeigt.

 

Chalon-sur-Saône

Das Museum Nicéphore Niépce am Quai des Messageries in Chalon-sur-Saône

Nur wenige weiter am Quai des Messageries findet man das Museum, das nach dem Erfindern benannt ist. Es ist mehr als das, denn es beherbergt neben einigen der Niépce-Kameras und diversen Utensilien und Dokumente des Erfinders eine Sammlung von rund 3 Millionen Fotos und rund 6000 Apparate, von denen nur ein kleiner Bruchteil ausgestellt ist. Es ist damit, neben dem Niépce-Bestand, ein generelles Museum für Fotografie.

 

Foto: Urs Tillmanns

Das Museum zeigt interessante Exponate zur Geschichte der Fotografie. Es sind echte Raritäten darunter, wie beispielsweise die Petzval-Kamera von Voigtländer 

Oft wären die Kamerasammler enttäuscht, sagt unser Guide, die das Museum besuchten, denn sie würden mehr Kameras in den Ausstellungsräumen erwarten. Aber das Konzept sei ein anderes: Die Exponate hätten immer einen direkten Bezug zu den gezeigten Bildern an den Wänden, und es gehe in erster Linie darum, den Bezug der Bilder einer bestimmten Epoche zu den passenden Kameras zu veranschaulichen. Das Musée Nicéphore Niépce ist übrigens ein Musée nationale, und damit mit freiem Eintritt ganzjährlich geöffnet.

Der erste Stock des Hauses ist derzeit wegen Umbau nicht zu besichtigen, doch im zweiten Stock werden in einem grossen Saal die wichtigsten Niépce-Sammelstücke gezeigt, darunter als Kronjuwele eine grosse Kamera mit fehlendem Objektiv, die höchstwahrscheinlich von Niépce für das berühmte Bild des «Blicks aus dem Fenster» 1827 verwendet wurde. (Lesen Sie dazu unseren Artikel «Die älteste Fotografie der Welt ist in Mannheim zu sehen».)

 

 

Foto: Urs Tillmanns

Eine der Kameras von Nicéphore Niépce, mit der wahrscheinlich das erste Foto der Welt aufgenommen wurde

Dazu gibt es noch einige weitere Exponate und Videopräsentationen zur Arbeit von Nicéphore Niépce, darunter auch die bekannte Heliographie des Kardinals von Amboise. Im Raum daneben wird auf die Daguerreotypie eingegangen, das Verfahren von Louis Jacques Mandé Daguerre, das 1839 bekannt gemacht und von der französischen Regierung der ganzen Welt geschenkt wurde.

 

Foto: Urs Tillmanns

Auch der Daguerreotypie, der schliesslich 1839 der Durchbruch als erstes Verfahren gelang, wird im Museum ein interessanter Raum gewidmet

Weiter gibt es einen Raum, welcher der fotografischen Reproduktion gewidmet ist und einen weiteren, bei dem sich alles um die Geschichte des dreidimensionalen Bildes dreht.

 

Foto: Urs Tillmanns

Das Geburtshaus von Nicéphore Niépce in der Rue de l’Oratoire

Die weitere Spurensuche führt uns in die Stadt zurück. In der Liegenschaft 15 an der Rue de l’Oratoire finden wird das Haus, wo Nicéphore Niépce am 7. März 1765 zur Welt kam – ein schlichtes, unscheinbares Stadthaus in einer Nebenstrasse, das nicht besucht werden kann.

 

Foto: Urs Tillmanns

Im Musée Denon waren früher die Kameras und Utensien von Nicéphore Niépce untergebracht

Zurück am Rathausplatz sehen wir das Musée Denon, das früher die Objekte von Nicéphore Niépce verwaltete, bis der Erfinder sein eigenes Museum erhielt. Das Musée Denon wird deshalb in vielen frühen Quellen genannt, hat aber heute als Museum für Kunst und Geschichte nichts mehr mit Niépce zu tun.

 

Foto: Urs Tillmanns

Die Bar «Le Niépce» hat wohl nichts mit dem Erfinder zu tun 

Gleich daneben ist eine Bar mit dem interessanten Namen «Le Niépce» zu finden. Auch hier war der Erfinder kaum je Gast, denn es ist neuen Datums und bemächtigt sich nur des legendären Namens. Zudem soll die Bar derzeit geschlossen sein.

 

Das «Maison du Gras» in St.Loup-de-Varennes

 

Foto: Urs Tillmanns

Der Landsitz «Le Gras» in St.Loup-de-Varennes, in welchem die beiden Brüder Claude und Nicéphore Niépce experimentierten, ist heute ein Museum

Fährt man von Chalon-sur-Saône auf der D906 nach Süden, so erreicht man schon bald das Dörfchen St.Loup-de-Varennes, wo Niépce auf dem Landsitz «Le Gras» lebte und sich seinen Erfindungen widmete. Seit drei Jahren ist das Haus als Museum vom 1. Juli bis 30.August täglich geöffnet, doch kann es ausserhalb dieser Daten von Gruppen auch auf Vereinbarung besucht werden.

 

Foto: Urs Tillmanns

Der Nachbau des «Pyréolophore», einem Rückstoss-Verbrennungsmotor, in den die Brüder Claude und Nicéphore Niépce grosse Hoffnungen setzten – und viel Geld damit verloren. Mit dem Nachbau konnte die Funktionalität bewiesen werden. (Die Funktion ist hier auf YouTube auf Französisch erklärt)

Gleich beim Eingang findet man einen Nachbau des berühmten «Pyréolophore», dem von den Gebrüdern Claude und Nicéphore Niépce erfundenen Rückstossmotor, der tatsächlich auf der Saône verkehrt haben soll. Er war ein kommerzieller Misserfolg, der die beiden Erfinder fast in den finanziellen Ruin getrieben hatte. Auch das Gehrad von Nicéphore Niépce ist hier zu sehen, eine weitere seiner Erfindungen, das gegenüber früheren Konstruktionen anderer Erfinder den Vorteil aufwies, dass es keinen starren, sondern einen beweglichen Lenker aufwies.

 

Foto: Urs Tillmanns

Hier entstand 1827 die berühmte erste Fotografie der Welt

Foto: Urs Tillmanns

 

Im ersten Stock finden wir den Raum, in welchem Niépce 1827 die berühmte Aufnahme als erste Fotografie der Welt gelang. Sie ist insofern etwas erklärungsbedürftig, als die darauf zu sehenden Gebäude heute nicht mehr existieren und das Fenster, aus welchem die Aufnahme gemacht wurde, einer Feuerstelle weichen musste und um 70 Zentimeter versetzt wurde.

 

Foto: Urs Tillmanns

Jean Louis Bruley, Kurator des Niépce-Hauses, erklärt uns das Verfahren von Niépce mit dem Judäa-Asphalt

Die Aufnahme entstand auf einer Zinnplatte, die mit sensibilisiertem Judäa-Asphalt bestrichen und nach stundenlanger Belichtung mit Lavendelöl haltbar gemacht wurde. Die entsprechenden Utensilien und Materialien sind hier ebenfalls ausgestellt, und Kurator Jean Louis Bruley erklärt uns diesen Prozess eindrücklich.

 

Foto: Urs Tillmanns

Hier auf den Dachboden beschäftigten sich Claude und Niéphore Niépce mit verschiedenartigsten Experimenten

Foto: Urs Tillmanns

 

Wo die belichteten Platten präpariert und entwickelt wurden, sehen wir auf dem Dachboden. Hier befinden sich zwei Experimentierräume mit interessanten Objekten, welche die Besucher zeitlich um 200 Jahre zurück versetzen. Ob die Spinnennetze echt und wirklich aus der damaligen Zeit stammen? Jedenfalls beweisen die Löcher in den Holzböden, dass hier mit starken Säuren experimentiert wurde, und die eigenartigen Utensiien weisen darauf hin, dass sich Claude und Nicéphore nicht nur mit fotografischen, sondern mit vielen anderen Experimenten beschäftigen.

 

Foto: Urs Tillmanns

Das Grab von Nicéphore Niépce und seiner Frau in St-Loup-de-Varennes

 

Eine weitere Attraktion des Dörfchens ist das Grab von Nicéphore Niépce, unübersehbar beim Eingang der Dorfkirche. Viele fotointeressierte Touristen erweisen hier Nicéphore Niépce die letzte Ehre, soll der Ort doch recht gut besucht sein.

 

Foto: Urs Tillmanns

Das Monument am Dorfeingang von St-Loup-de-Varennes. Leider ist ein falsches Datum in Stein gemeisselt

Auf der Rückfahrt nach Chalon-sur-Saône kommen wir an einem grossen Monument vorbei, auf dem steht: «In dieser Ortschaft hat Nicéphore Niépce 1822 die Fotografie erfunden». Ärgerlich: Das Datum ist falsch! Niépce hatte sich wohl 1822 mit Heliografien befasst, doch konnte der Fotohistoriker Georges Pontonnier, auf dessen Erkenntnisse das Monument zurückgeht, nicht wissen, dass Helmut Gernsheim 1952 das Bild «Blick aus dem Fenster» findet, auf dessen Rückseite handschriftlich vermerkt ist, dass es sich hierbei um die erste Fotografie der Welt von 1827 handle, die auch in einem Brief von Nicéphore an Claude Niépce erwähnt wird.

 

Foto: Michel Planson

Die Gruppe von Fotohistroy.ch nach einem eindrucksvollen Besuch vor dem Haus von Nicéphore Niépce (Foto: Michel Planson, Paris)

Dass heute das Haus von Niépce in St-Loup-de-Varennes öffentlich zugänglich ist, und dass sich das Museum in Chalon-sur-Saône zu einem sehenswerten Museum der Fotografie herausgeputzt hat, macht die Reise ins schöne Burgunderstädtchen wirklich lohnend – zumal diese Region, auch ausser den vorzüglichen Weinen, noch vieles anderes zu bieten hat.

Text und Fotos: Urs Tillmanns

 

2 Kommentare zu “Zu Besuch bei Nicéphore”

  1. Eine interessante Reise für alle Beteiligten. Besten Dank an alle die an
    dieser Exkursion teilgenommen haben. Besonders an Michel Planson, der sein Paris uns näher gebracht hat, und uns mit persönlichen Ansichten ein etwas anderes Städtebild vermittelte.
    Wir freuen uns schon auf die Reise 2016 nach Wien.
    Heiri und Heidi Mächler

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