Monica Boirar, 4. Dezember 2016, 07:00 Uhr

Annelise Kretschmer – eine vergessene Meisterfotografin

Parallel zum Festival der Internationalen Photoszene 2016 und zeitgleich mit der Photokina eröffnete das Käthe Kollwitz Museum Köln die Ausstellung «Annelise Kretschmer – Entdeckungen, Photographien 1922–1975». Aufgrund der hohen Resonanz wurde diese nun bis 8. Januar 2017 verlängert. Wer war Annelise Kretschmer?

 

Dem Journalisten und Kuratoren Thomas Linden war die Fotografin Annelise Kretschmer völlig unbekannt, als ihm im Jahr 2004 eine aussergewöhnliche Porträtfotografie ins Auge stach. In der Kölner Galerie «Priska Pasquer» hatte er diese in einer Gruppenausstellung mit Werken der 1930er und 40er Jahre entdeckt: Ein kleines, blondes Mädchen mit entrücktem Blick auf Unendlich fokussiert, das etwas Angst einflössendes zu hören scheint.

 

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Das Gesicht ist von steil abfallendem Seitenlicht beleuchtet. In den Händen hält das Mädchen einen Brummkreisel, der trotz der geringen Schärfentiefe in der Unschärfe noch als solcher erkennbar ist. Das beliebte Kinderspielzeug, grösser als der Kopf des Mädchens, wirkt wie ein Schutzschild für ihren Anspruch auf kindliche Unversehrtheit und Integrität als grundlegendes Menschenrecht. Die Fotografie, 1943 in Dortmund entstanden, zeigt Nina, die Tochter der Fotografin. Annelise Kretschmer hatte sie im eigenen Studio, welches sie im zweiten Stock des Geschäftshauses ihrer Eltern eingerichtet hatte, porträtiert.
Im Verlauf mehrerer Jahre hat sich Thomas Linden in das fotografische Œuvre von Annelise Kretschmer eingearbeitet. In Absprache mit Christiane von Königslöw, der einzigen noch lebenden Tochter Kretschmers und in enger Zusammenarbeit mit Hannelore Fischer, der Direktorin des Käthe Kollwitz Museum Köln, hat der Kurator ein umfangreiches Konvolut von Originalabzügen zusammengestellt. Eine Auswahl von mehr als 80 Vintage-Prints der Fotografin wird nun im Museum gezeigt.

 

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Kretschmer gilt als eine der bedeutendsten Porträtistinnen der späten Weimarer Republik, war eine der ersten Frauen mit eigenem Studio und geriet lange Zeit in Vergessenheit. Als Ausstellungsort scheint das Kölner Haus geradezu prädestiniert zu sein. «Auch Käthe Kollwitz, Deutschlands berühmteste Malerin und Bildhauerin des 20. Jahrhunderts, war eine Meisterin des Porträts. Auch sie blieb während des Zweiten Weltkriegs im Land», erläutert Hannelore Fischer, die das Museum seit 26 Jahren leitet. Es sei mit einem gewissen Risiko verbunden gewesen, die einer breiten Öffentlichkeit eher wenig bekannte Fotografin zu zeigen. Die Ausstellungen der berühmten deutschen Lichtbildnerinnen des 20. Jahrhunderts Ellen Auerbach und Lotte Jacobi, deren Werke in den Jahren 2008 und 2012 gezeigt wurden, seien allein schon aufgrund ihrer Namen ein Publikumsmagnet gewesen. Beide Künstlerinnen sind mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus rechtzeitig emigriert und machten im Ausland Karriere. Annelise Kretschmer war geblieben. Irgendwann, so schildert es ihre Tochter, sei es dann zu spät gewesen, um den Plan, mit ihrer Familie nach Ibiza auszuwandern, in die Tat umzusetzen.

 

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Als Bilderbuchkarriere hatte der berufliche Werdegang der 1903 geborenen Annelise Silberbach begonnen. Wohlbehütet ist die Tochter der Betreiber eines Modegeschäfts in Dortmund als Zweitgeborene von drei Kindern aufgewachsen. Sie absolvierte eine Erstausbildung an der Kunstgewerbeschule München in Buchbinden und Zeichnen Anfang der 1920er Jahre und entdeckte ihr Interesse für die Fotografie. «Nach dem Ersten Weltkrieg war die Fotografie ein besonders geeignetes Medium für Frauen, die ihren eigenen Weg gehen wollten», weiss Linden.

 

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Kretschmer war Volontärin im Porträt-Atelier Leon von Kaenel in Essen und wurde, damals noch als Annelise Silberbach, Meisterschülerin beim Fotografen Franz Fiedler in Dresden. 1928 nahm sie bei der internationalen Fotografieausstellungen in Graz teil, 1929 an der Wanderausstellung «Film und Foto» des Deutschen Werkbundes, am «25me Salon International d’Art Photographique» in Paris, beteiligte sich 1930 an der Wanderausstellung «Das Lichtbild», die in München, Essen, Düsseldorf, Dessau und Breslau gezeigt wurde und veröffentlichte in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften wie der Photographischen Rundschau, der Wochenschau und der Westdeutschen Illustrierten Zeitung. Auch als Mitglied der «Gesellschaft Deutscher Lichtbildner» (GDL) wirkte sie regelmässig bei deren Ausstellungen mit, bis es 1933 zum Ausschluss kam.

 

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Vor dem Hintergrund der gewaltsamen Gräueltaten des Faschismus muss die Porträtfotografin Annelise Kretschmer historisch verortet werden. Die Tochter eines jüdischen Vaters wurde mit dem Aufkommen des nationalsozialistischen Gedankenguts als Halbjüdin anonym angefeindet. Das Beschmieren der Schaukästen ihres Ateliers hörte erst auf, nachdem sie der Organisation «Deutsche Arbeitsfront» (DAF) beigetreten war. 1936 machte sie die Meisterprüfung in Dortmund und bildete fortan auch aus.
Ab Mitte der 1930er Jahre galt es mit ihrer Arbeit als Fotografin eine sechsköpfige Familie zu ernähren. Ihr Ehemann, der Bildhauer Sigmund Kretschmer, konnte nichts zum Einkommen beisteuern, kümmerte sich indes um die gemeinsamen Kinder Tatjana (geb. 1930), Michael (geb. 1932), Nina (geb. 1938) und Christiane (geb. 1940).

 

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Während der Nazizeit habe sich die Fotografin verbiegen müssen, so schildert es die Museumsdirektorin, und die Tochter erinnert sich, wie die Familie jahrelang in Furcht vor Schikane und Verfolgung gelebt habe – die Seelen seien schwer verletzt worden. Einmal wurde Kretschmer denunziert und von der Gestapo vorgeladen, weil sie einer Angestellten nicht erlaubt hatte, die Hitlerreden im Radio zu hören. Sie habe es sehr schwer gehabt, konstatiert Christiane von Königslöw. Vor der Nazizeit sei ihre Mutter jemand gewesen und als starke Frau habe sie alles durchgestanden. Die talentierte Fotografin wurde als nützlich eingestuft und geduldet.

 

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Mit ihrer optischen Sprache voller Spontaneität lässt sich Annelise Kretschmer trotz der typischen Bildauffassung der damaligen Zeit nicht einfach so der Neuen Sachlichkeit zuordnen. Die warmherzige Persönlichkeit hinter der Kamera und vor allem ihr offensichtliches Talent, mit ihrem Vis-à-vis in geschickter Weise zu kommunizieren, qualifizieren ihre Fotografien als besonders herausragend. Ihre Bildkompositionen bezeugen ihr eigenwilliges ästhetisches Konzept. Kretschmer verstand es, die Menschen als eine in sich ruhende Persönlichkeit darzustellen. Im Gespräch wurde die Haltung und Gestik gefunden, in der sich die Person vor der Kamera entspannte. Durch genaues Beobachten entdeckte die Lichtbildnerin die «Schokoladenseite» des Gesichts. In der fotografischen Begegnung fand sie schliesslich den entscheidenden Moment einer ausdrucksstarken, stimmigen Mimik. Ein spannendes In-Beziehung-Setzen von Vorder- und Hintergrund gelang ihr ausnahmslos. Kinder und Künstler, Arbeiter, Intellektuelle und Industrielle zählten zu ihren Sujets.

 

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Immer wieder fallen beim Betrachten der Porträts die Hände auf. Kretschmer wusste diese in brillanter Weise zu inszenieren: vor der Brust verschränkt, den Kopf oder das Kinn stützend, die Zigarette haltend, mit leichter Geste das Gesicht vor der Sonne schützend, die sich berührenden Fingerspitzen, der an den Mund gelegte Zeigefinger – immer passen die Hände in wunderbarer Weise zur Gesamtkomposition. Entscheidend dabei war, wie sie Regie führte, wie sie die Menschen be-hand-elte. Unschwer lässt die Sprache erkennen, dass zwischen den Kräften des Geistes, der Seele und den Händen ein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Besonders gekonnt wusste Kretschmer diesen auszugestalten. Ein abgespreizter kleiner Finger, die Hand, die ihr geliebter Ehemann über den Kopf legt, eine Zigarette, die die Fotografin in einem Selbstporträt zwischen ihren Händen hält, passen perfekt zum Gesamtbild, zu den Posen, die, obwohl offensichtlich inszeniert, nichtsdestotrotz lebendig und authentisch wirken.

 

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Das Mädchen mit dem Brummkreisel, das einmal gesehen, nicht mehr vergessen werden kann, ziert auch den Katalog zur Ausstellung, in dem die 80 Fotografien in gebündelter Form vorliegen. Die Fotografie auf der Rückseite des Bildbandes erinnert an die berühmte Graffiti-Serie des ungarischen Fotografen Brassaï, mit der er in Paris der 1930er Jahre ein eigenwilliges Sujet für sich entdeckt hatte. Die Kritzelei «August Ernst ist dof» (mit einem o geschrieben) lässt indes eine andere geografische Verortung zu: 1930 hatte Annelise Kretschmer das Motiv in Dortmund gefunden. Das Porträt der jungen Ellise Illiard könnte auch eine Studioarbeit von Edward Steichen sein. Die drei Mädchen, zwei von ihnen mit blonden Zöpfen, würden als weibliches Pendant zu August Sanders berühmter Ikone «Jungbauern» perfekt in seine Serie «Antlitz der Zeit» passen. Mehrere Porträts lassen auch an den einflussreichen amerikanischen Fotografen Paul Strand denken. Die Assoziationen mit Arbeiten berühmter männlicher Berufskollegen belegen im Vergleich mit diesen die hochrangige Qualität der Fotografien. Annelise Kretschmer gehört unzweifelhaft zu den grossen deutschen Fotografinnen.

 

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Der Katalog ist im Emons Verlag erschienen, dem renommierten Spezialisten für Regionalkrimis und regionale Literatur. Emons gibt auch verschiedene Bildbände sowie eine Schriftenreihe des NS-Dokumentationszentrums heraus. Im Umfeld von spannender Unterhaltungsliteratur und einer seriösen wissenschaftlichen Aufarbeitung der dunkelsten Seiten deutscher Geschichte, erhält das Fotobuch einen ihm zustehenden Ehrenplatz. Es sei eine spontane Entscheidung gewesen aufgrund einer Anfrage von Thomas Linden, den Bildband «Anneliese Kretschmer – Photographien» in sein Verlagsprogramm aufzunehmen, erzählt der Besitzer des Verlags Hejo Emons. In einer Auflage von 3000 Exemplaren wurde vierfarbig gedruckt, um so nahe wie möglich an die qualitativ hochstehenden Originalabzüge heranzukommen. Der Abverkauf seit Mitte September laufe sehr gut.

 

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7300 Besuchende haben im Käthe Kollwitz Museum Köln die vergessene Meisterfotografin bisher entdeckt. Das Museum freut sich über die vielfältige Resonanz. Die Leute seien mit ihren privaten Alben und eigenen Erlebnissen aus dem Dortmunder Studio ins Museum gekommen. Kretschmer hatte viele Familien in einer Zeitspanne bis zu drei Generationen bei wichtigen Anlässen und Ereignissen wie Geburt, Taufe, Geburtstagen und Hochzeiten zur Erinnerung ebendieser porträtiert. Mitgebracht wurden aber auch hochwertige Modefotografien der Künstlerin aus den 1920er und 30er Jahren. Eine Auswahl dieser neuen Entdeckungen wird erstmalig öffentlich präsentiert und ergänzt die aktuelle Ausstellung. So lässt sich nun die gesamte Bandbreite des Schaffens der Fotografin von den frühen Auftragsarbeiten bis zu den Einzel- und Familienporträts entdecken.

Die Ausstellung wurde bis 8. Januar 2017 verlängert. Ein Besuch in Köln – vielleicht über die Festtage – lohnt sich.

Die letzte Fotografie neben ihrer Biografie im Bildband zeigt die Hände von Annelise Kretschmer an ihrer Hasselblad Kamera aus dem Jahr 1960, mit der sie mit Licht geschrieben hatte. Es darf davon ausgegangen werden, dass die Fotografin mit ihrer stilsicheren Handschrift als Porträt-Künstlerin nun endlich verdientermassen Geschichte schreiben wird.

Text: Monica Boirar

Detaillierte Angaben zur Ausstellung finden sich auf der Webseite des Museums.

Weitere geplante Stationen der Ausstellung:
• Paula Moderssohn-Becker Museum, Bremen (12.02. bis 21.05. 2017)
• Städtische Galerie, Iserlohn (2018).

Der Katalog zur Ausstellung
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Für das Käthe Kollwitz Museum Köln herausgegeben von Hannelore Fischer
Text und Konzept: Thomas Linden
120 Seiten, 82 Abbildungen
Klappenbroschur, 21 x 27 cm
Emons-Verlag, Köln
Museumspreis: EUR 18,00

 

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