Urs Tillmanns, 3. Januar 2021, 10:00 Uhr

Ein Leben für die Leica. Mit Ivo Crivelli im Gespräch

Elegant gekleidet, mit Fliege und nach hinten zu einem kleinen Rossschwanz zusammen gebundene, ergraute Haare – wer kennt ihn nicht: Ivo Crivelli. Der Spruch vom «wandelnden Leica-Lexikon» ist zwar etwas abgedroschen, aber hier durchaus zutreffend. Ivo Crivelli gehört zu den ganz grossen Leica-Kennern, der in den letzten 40 Jahren Kunden aus aller Welt bedienen durfte. Leute, die extra nach Zürich reisten, um sich von Ivo Crivelli beraten zu lassen, weil sie wussten, dass sie hier eine ehrliche, unverblümte und kompetente Fachmeinung bekamen. Er hat alle Ups und Downs von Leica mitgemacht, Zeiten, in denen es höchst fraglich um den einzigen deutschen Kamerahersteller stand. Durch viele glückliche Umstände kam das Unternehmen immer wieder aus den Tiefen heraus, so dass daraus für Ivo Crivelli eine lange Geschichte wurde. Hier ist sie …

Ivo Crivelli im Leica Shop in Zürich. Hier stehen 40 Jahre Leica-Fachwissen … © FotoPro Ganz/Peter Fischli

 

Fotointern: Ivo Crivelli, Sie sind der wahrscheinlich prominenteste Leica-Verkäufer der Schweiz und gehen nun, terminlich etwas überzogen, in die wohlverdiente Pension. Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

Ivo Crivelli: In jungen Jahren ging ich zu einem Berufsberater, der mir ein Buch mit den verschiedenen Berufen in die Hand drückte und mir sagte: ’schau mal‘. Beim Durchblättern erblickte ich den Beruf ‚Fotolaborant‘! Schnell war es entschieden und später durfte ich bei Foto Welti in Zürich-Altstetten schnuppern gehen. Ich erinnere mich noch genau als der dortige Fotograf im Atelier mir eine Kamera in die Hand drückte die mir fast aus der Hand fiel, so schwer war sie. Es war eine Leica M3. Diese Begegnung sollte mein Interesse und den weiteren Verlauf meines Berufes prägen. Ich schloss meine Lehre im Jahre 1972 als Fotolaborant bei Foto Welti ab. Während dieser Ausbildungszeit hatte ich immer wieder Gelegenheit im Laden mitzuwirken und mit den Kunden im Gespräch zu sein, was mir immer besser gefiel. So verliess ich die Dunkelheit und ging ans Licht zum Arbeiten.

Nach einer dreimonatigen Zwischenstation in einem kleineren Geschäft in Oerlikon, bekam ich im August 1972 eine Anstellung bei FotoHobby an der Rötelstrasse in Zürich. Dort konnte ich aus dem Vollen schöpfen. In dieser auch schon turbulenten Zeit konnte ich meinen Wissensstand enorm vergrössern. Wir hatten praktisch alles am Lager, was der Markt hergab. Von der kleinen Minox bis zu den Mittelformatkameras, Film- und Diaprojektoren, Laborausrüstungen – alles war vorrätig. Die Betreuung durch den damaligen Chef Herr K. Guldimann war hervorragend. Er verstand es meisterhaft mit den meist jungen Leuten umzugehen und deren Persönlichkeit positiv zu formen. Danke.

 

Was ist für Sie die ‘Faszination Leica’? Hatte es Sie nie gereizt auch andere Marken zu verkaufen und deren Eigenheiten vergleichend in die Verkaufsgespräche einzubringen?

Wie gesagt, ich verkaufte anfangs alle Marken die es damals gab, war doch der FotoHobby damals das innovativste Geschäft in Zürich, im Gegensatz zu den abgehobenen Läden an der Bahnhofstrasse. Beim Verkaufen machen leider auch heute noch viele den Fehler, nur das verkaufen zu wollen, was sie selber gut finden. Ein Riesenfehler! Fragen und zuhören und auf den Kunden eingehen ist das Geheimnis, und dann fängt die Beratung erst an. Der Rest ergibt es sich meistens von selbst.

Ab Januar 1983 ging ich dann zu Foto Ganz in der vielgerühmten Bahnhofstrasse. Dort konnte ich mein Leica-Wissen, das mittlerweile eine Passion war, weiter verfeinern und in die Tiefen der Leica bis in die Gründerjahre vordringen. Ein Virus den man nie mehr los wird. Wozu auch?

 

Sie haben vier Jahrzehnte Leica-Geschichte miterlebt, Zeiten der Kochblüte und Zeiten der Markenkrise. Welches waren die gröbsten Fehler des Managements, die ja bekanntlich fast zum Untergang von Leica Camera geführt hatten?

Hier von Fehler zu sprechen ist zu einfach. Zu dieser Zeit war die Leica zu klein um grosse Veränderungen zu bewältigen. Die enormen Geldmittel, die dazu nötig gewesen wären, waren nicht ausreichend vorhanden. Die Fotowelt redete praktisch nur noch von Canon, Nikon, Minolta …  die im Background immense Geldmittel für Innovationen zur Verfügung hatten. Und mit den ersten Autofokus-Kameras ging die Misere noch weiter. Man stelle sich vor, dass Leica einmal kurz davor war das Herzstück, die M, einzustellen. Nach der Vorstellung der M 6 ging es dann wieder etwas aufwärts.

 

Und was hat das Management von Leica besonders gut gemacht?

Mit dem Einstieg von Dr. Kaufmann im Jahre 2004, der nicht nur die Mittel hatte, sondern vor allem eine Passion für Leica, ging es endlich in die richtige Richtung. Dort wo wir heute sind.

 

Wie haben Sie die Transition von der analogen zur digitalen Fotografie erlebt?

Dies waren lebhafte Zeiten, mit Veränderungen, die so extrem schnell vor sich gingen, dass man manchmal kaum mithalten konnte. Und einmal mehr war Leica an einem Wendepunkt. Die Umstellung der Spiegelreflex-Linie auf Autofokus und danach auf digital war schlicht und einfach finanziell nicht zu bewältigen. So setzte man bei Leica auf die M zur Digitalisierung. Mit diesem Schritt weckte man draussen in der Fotowelt viele neue Kunden, die vorher noch nie eine Leica besassen. Momentaner Endstand heute sind die Leica M 10-R und die M 10-P, auch die Monochrome als einzige Schwarzweiss-Kamera, nicht zu vergessen. Und was nicht vergessen werden sollte: Die Objektive. Diese Dinger, die man vorne an die Kamera steckt, haben den Mythos von Leica erschaffen.

 

Welches war Ihre liebste Leica, und weshalb?

Es war früher und auch heute noch so! Es ist die Leica M. Heute in der digitalen Version. Einfach zu erklären, wenn eine Passion für das Fotografieren da ist, nimmt man eine M in die Hand, und dann ist es um einen geschehen. Feeling der Präzision, der Haptik, und dann ein schönes Objektiv vornedran und das wars.

 

Was hätte Leica besser nicht auf den Markt gebracht?

Wenn man die Jahrzehnte Revue passieren lässt, dann hätte man auf gewisse Kompakte und auch die APS-C Büchse verzichten können.

Erinnern Sie sich an besonders prominente Kunden, die Sie bedienen durften, und gibt es dazu interessante Episoden?

Ich hatte während der Jahrzehnte im Handel Kunden aus aller Welt. Viele davon waren auch inkognito, worauf man früher viel mehr Wert legte als heute.

 

Gibt es ein Erlebnis, das Sie sicher nie vergessen werden?

Ja, das war vor etwa 40 Jahren, als ein Kunde eine Canon Spiegelreflexkamera mit diversen Objektiven kaufte und nichts erklärt haben wollte. Am nächsten Tag gings auf den Flieger … Bald kam er zurück und gab uns etwa zehn Filme à 36 Aufnahmen zum Entwickeln und kopieren. Als er nach ein paar Tagen dieselben abholen wollte, gab es nur noch blankes Entsetzen: kein einziges Bild! Er hatte vergessen die kleine Plastikabdeckung in der Filmbühne zu entfernen. Später meinte er noch, er habe sich bei jedem Filmeinlegen bemüht, das Ding immer wieder schön zu positionieren …

 

Haben Sie nie daran gedacht, sich selbständig zu machen, zum Beispiel als die Fotopro Konkurs ging?

Natürlich, diese Gedanken kamen immer wieder hoch. Ich hatte auch finanzkräftige Kunden, die mich bei einem solchen Vorhaben unterstützt hätten. Aber ich hatte nie wirklich ein echtes Bedürfnis dazu. Darum entschied ich mich nach dem Spruch ‚Schuster bleib bei Deinen Leisten‘. Ich habe es auch nie bereut, diesen Schritt nicht gemacht zu haben. Der Konkurs der FotoPro ist da wieder ein anderes Kapitel – ein beschämendes, hinter dem eine grosse menschliche Tragik steht.

 

Was ist das Schöne am Beruf des Fotofachberaters?

Wie bei allen Verkaufsberufen sind es die intensiven Kontakte mit den Kunden und die dankbaren und begeisterten Rückmeldungen, die man von glücklichen Kunden bekommt. Dabei hatte ich das besondere Glück sehr anspruchsvolle Kunden aus aller Welt bedienen zu dürfen. Das war für mich immer eine grosse Befriedigung.

 

Könnten Sie den Beruf auch heute noch jungen Leuten, die vor der Berufswahl stehen, empfehlen?

Jein. Die Schwierigkeit besteht darin, dass heute unklarer ist denn je, wohin die Reise der Fotobranche geht. Wir leben in einer sehr unkonstanten Zeit …

Mit der Pensionierung beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. Wie werden Sie diesen gestalten? Haben Sie ausser der Fotografie noch andere Hobbys, und wird Ihnen der Publikumskontakt nicht fehlen?

Eigentlich habe ich keine Hobbys, die engen einem auch zu fest ein! Ich habe verschiedene Interessen, die ich nun vermehrt pflegen werde.

Wir wünschen Ihnen alles Gute dazu und danken Ihnen für dieses Gespräch.

Interview: Urs Tillmanns

Mit seiner Pensionierung am 31. Dezember 2020 übergab Ivo Crivelli die Leitung des Leica Store Zürich, Kuttelgasse 4, an Carlos Chaparro. 

Die Bilder dieses Artikels stammen von Ivo Crivelli, die er in den letzten Jahren anlässlich verschiedener Privatreisen gemacht hatte.

5 Kommentare zu “Ein Leben für die Leica. Mit Ivo Crivelli im Gespräch”

  1. Nicht die Objektive haben den Mythos von Leica begründet, sondern die Fotografen, die zwischen 1925 und circa 1970-80 mit der Leica gearbeitet haben und das Bild dieser Zeiten maßgeblich geprägt haben. Dass die Objektive gut sind, steht außer Frage, aber der eigentliche Nimbus fußt auf den Bildern von Fotojournalisten dieser Zeit.
    VG, Christian

    1. Korrekt. Man denke nur schon an die Fotoagentur Magnum.

      Heute ist Leica vorwiegend eine Luxusmarke mit einem verschwindend kleinen Anteil im Kameramarkt (bei den Siegerfotos des World Press Photo 2020 hatte Leica nur einen Anteil von 2,4 Prozent). Das Image des begehrenswerten Luxusprodukts zementieren auch teure Sondereditionen (etwa die von Lenny Kravitz mit industriell angebrachter Patina). Apropos Image: erlauben Sie mir einen kleinen Seitenhieb. Zumindest in meinem Umfeld ist es so, dass sich alle Kollegen, die mit Leica fotografieren, sich für ihr Profilbild voller Stolz mit mindestens einer Leica um den Hals ablichten lassen. Das sieht man sonst nur bei Amateurfotografen, die sich eine teure Mittelformatkamera leisten und unbedingt mit dieser zusammen abgebildet werden wollen. 

  2. Sicher ist Ivo Crivelli eine positive Ausnahmeerscheinung in der Fotobranche. Bemerkenswert finde ich die klare Ausrichtung auf Beratung und Verkauf nur einer Marke. Wenn auch Leica eine Sonderstellung unter den Kameraherstellern einnimmt ist nur das «M-Systen» wirklich einzigartig. Das kommt aber nicht von den teils skurrilen Sondereditionen (für Fotografen unnötig) sondern von einer über viele Jahrzehnte gepflegten Modell- und Obkektivpalette in einzigartiger Qualität. Ich wünsche Herrn Crivelli alles Gute.

  3. Meine Wenigkeit hatte das Vergnügen und das grosse Privileg, am Rennweg für Ivo Crivelli zu arbeiten.
    Eine Zeit, an die ich mich sehr gerne erinnere und mich geprägt hat!
    Sein enormes Wissen ging nicht nur weit über Leica hinaus, er konnte es auch immer glasklar vermitteln.
    Grosser Dank und und alles erdenklich Gute für seinen wohl verdienten Ruhestand.

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