Urs Tillmanns, 25. April 2021, 10:00 Uhr

Marco Nescher: Mit dem Helikopter über Grönland

Grönland ist noch immer eines der am wenigsten erforschten Länder der Erde, und es verändert sich ständig. Von eisigen Polarwinden gepeitscht wandern die Eisberge immer weiter, und die ewigen Gletscher schieben riesigen Eisformationen vor sich her, bis sie tosend ins Meer stürzen und dort langsam dahinschmelzen. Ein Prozess, der schon jahrtausendelang so abläuft und die grösste Insel der Welt laufend verändert.

 

Während die Forscher von jeher den weissen Kontinent mit Schlittenhunden, Eisbrechern und Spezialfahrzeugen erkundet haben, wollten Matthias Vogt und Marco Nescher ein anderes Verkehrsmittel nutzen – den Helikopter. Matthias Vogt betreibt auf Island ein Heli-Unternehmen und fliegt nicht nur Touristen sondern auch Fotografen und Filmteams zu den grossartigsten Vulkanen dieser Insel. Marco Nescher ist Fotograf aus Leidenschaft, der sich seit seiner Pensionierung voll der Fotografie widmet. Die beiden sind seit vielen Jahren befreundet, und so kam es, dass sie sich 2018 und 2019 entschlossen, ein ganz besonderes Projekt in Angriff zu nehmen: Die Umfliegung Grönlands mit dem Helikopter.

 

Das Vorhaben bedingt vorab eine Reihe von technischen und administrativen Abklärungen, denn bei einer Panne mitten in arktischen Regionen wäre man auf fremde Hilfe und entsprechende Absicherungen angewiesen. Zudem müssen alle Bewilligungen vorliegen, es muss ein Notfallplan deponiert werden, und die Versorgung mit Flugbenzin muss überall sichergestellt sein. Da die Zuladung des Hubschraubers gewichtsmässig beschränkt ist, senden die beiden persönliche Effekte sowie Proviant vorab an bestimmte Depots in Grönland, wo sie zwischenlanden werden. Alles muss minutiös geplant werden, um möglichst wenig unliebsamen Überraschungen zu überlassen.

 

 

Der Flug über das offene Meer

Der Robinson R66 ist ein zuverlässiges Arbeitstier, das eine Reichweite von knapp 650 Kilometer hat und mit der Rolls-Royce Turbine eine Reisegeschwindigkeit von rund 220 km/h entwickelt. Ausgangspunkt ist Reykjavik, die Hauptstadt Islands, wo Matthias Vogt mit seiner Maschine stationiert ist. Normalerweise macht er von hier aus Touristenflüge, oft mit Fotografen zu den unwegsamsten und beeindruckendsten Motiven oder er setzt seine Maschine für lokale Transporte ein. Doch der Flug über’s offene Meer Richtung Grönland ist auch für den erfahrenen Piloten ein neues Abenteuer.

 

Marco Nescher ist gespannt auf diese ungewöhnliche Reise. Er fotografiert seit Jahren auf nahezu allen Kontinenten, ist auf Landschaften spezialisiert, doch was ihn hier in Grönland aus der Vogelperspektive erwartet, dürfte vieles andere in den Schatten stellen.

 

«Als kurz nach dem Start in Reykjavik das Festland unter uns verschwand und wir nur noch Meer und Himmel rund um uns herum sahen, hatte ich schon ein etwas mulmiges Gefühl in der Magengegend» erinnert sich Marco. Vertrauen in den Piloten und in die Technik ist alles! «Als dann in etwa 200 Kilometer Entfernung die ersten Schneeberge auszumachen waren, war das schon eine Erleichterung. Das Ziel Grönland war in Sicht, die erste Etappe der Expedition gelungen». Nerlerit Inaat, der Flughafen mit Zollbehörde, ist ein idealer Ausgangspunkt für erste Tagesausflüge, zum Beispiel nach Scoresby Sund, dem grössten Fjordsystem der Welt.

 

Grönland ist nicht einfach Eiswüste. Da und dort sieht man einfache Siedlungen, Forschungsstationen und Relikte aus dem kalten Krieg, wie zum Beispiel die ehemalige US-Basis Bluie East, wo die ganze damalige Ausrüstung heute vom Zahn der Zeit zernagt wird. Die Natur holt sich alles zurück … «Weiter in Richtung Sødalencamp haben wir Narwale und Moschusochsen aus der Luft gesehen und später sogar Eisbären» erzählt Marco. «Zum Glück kam es zu keiner Begegnung, doch haben wir oft sicherheitshalber einen Elektrozaum um unseren Heli gespannt, denn Eisbären sind schrecklich neugierig …»

 

 

Vielfalt der Natur

Ein weiteres Erlebnis war die Landung auf dem Gunnbjørn Fjeld, dem mit 3694 Meter höchsten Gipfel Grönlands. «Von hier oben hatten wir das eindrücklichste Panorama: Nur der Berg und um uns herum eine weisse, zerklüftete Eislandschaft» schwärmt Marco. Weitere Höhepunkte war ein Besuch in Upernavik, wo Marco und Matthias viel über das Leben und die Kultur der Einheimischen erfahren konnten, sowie das Überfliegen des grössten Nationalparks der Welt mit einer Fläche von 972’000 Quadratkilometern im Nordosten der Insel. Dabei musste peinlich genau auf die Spritreserve geachtet werden, um das Kap Morris Jesup zu erreichen, der nördlichste Punkt Grönlands, von wo es nur noch rund 700 Kilometer bis zum Nordpol gewesen wären …

 

«Was mich auf dieser Reise besonders fasziniert hat, sind die bizarren Formationen der Eisberge» schwärmt Marco. «Mal gezackt, mal von Wind in harmonische Formen modelliert schwimmen sie einsam im Meer und bieten – besonders aus der Luft – einen einmaligen, aber vergänglichen Anblick».

Alle Fotos: Marco Nescher / Text: Urs Tillmanns

Hinweis Fotoausstellung «Marco Nescher: Rund um Grönland»

Noch bis 6. Juni 2021 ist im Domus Schaan, Landstrasse 19, FL-Schaan, Liechtenstein, die Fotoausstellung «Rund um Grönland» von Marco Nescher zu sehen. -> Infos    

Kurzbiografien

Marco Nescher, Jahrgang 1954, hat seinen beruflichen Werdegang im Druckerei- und Verlagswesen absolviert. Nach dem Austritt aus dem Familienbetrieb im 2011 widmete er sich intensiv der Fotografie in nordischen Ländern, vorwiegend Island. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Luftfotografie aus einem Helikopter. Neben verschiedenen Buchprojekten über Liechtenstein, einen (vergriffenen) Bildband über Island, Ausstellungen und Multivisionsschauen ist sein nächster Traum einen Bildband über Grönland zu realisieren. http://www.fotomarco.li/

Matthias Vogt (geb. 1988) ist Abenteurer und Helikopter-Pilot. Schon früh faszinierte ihn die Symbiose von Technik und Natur. Nach seinem Aviatik Studium in Winterthur zog der gebürtige Liechtensteiner nach Island, wo er während seines MSc Studiums in International Business, die eigene Firma Volcano Heli www.vh.is gründete. Matthias lebt in der isländischen Hauptstadt Reykjavík.

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«Der ‚Fagradalsfjall‘ lässt grüssen – ein fantastisches Naturspektakel» (Fotointern 30.03.2021)

 

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2 Kommentare zu “Marco Nescher: Mit dem Helikopter über Grönland”

  1. Da liest man von fantastischem Naturspektakel und immer wieder von Klimaerwärmung und empfindliches Ökosystem. Da zeugt ein Helikopterflug von sehr wenig Respekt all dem gegenüber.

  2. Ohne die Absichten und Hintergründe des Fotografen und seiner Reise zu kennen, ist eine Kritik wie „… sehr wenig Respekt“ eine sehr einseitige Betrachtungsweise und kommt vielleicht eher aus dem Lager des Neides.

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