David Meili, 24. Mai 2009, 08:55 Uhr

WEB 2.0 bedrängt Portale, 60 000.- für 4 Bilder von Roger und Mirka, und Missen als Füller

Pressespiegel vom 23./24. Mai 2009
090520_facebook_klotenAls Flucht aus der Krise der Printpresse investieren Verleger und Informationsanbieter mehr denn je in Portale.  Doch vielleicht liegt die nähere Zukunft bei Konzepten, die von unten her entstanden sind, mit von Commuities generierten Inhalten und gobalen Marktführern wie Facebook, MySpace und YouTube.

090525_swissFacebook-Gruppen entwickeln sich noch nicht zu einer ernsthaften Konkurrenz  für die gedruckte Presse. Doch sie sind schnell, aktuell und persönlich. Viele Facebook User verzichten auf Anonymität, – was solls? Man will ja one-to-many mit realen Personen im Kontakt sein. Führende Journalisten und Fotografen in der Deutschschweiz sind auf Facebook präsent und profitieren vom informellen Informationsaustausch. So nutzen Kurt Aeschbacher und sein Team Blog und Facebook aktiv im Verbund mit ihren Sendungen und schaffen eine Alternative zum schwerfälligen Pressedienst von SF DRS. Die Unternehmensleitung der Fluggesellschaft Swiss kommuniziert mit Pressevertretern und interessierten Kunden professionell und zunehmend über Facebook.

090525_anzeigerDoch Facebbok zeigt seine Stärken als Medium auch im Lokalen. Der wöchentlich erscheinende Anzeiger der Stadt Kloten verfügt über ein Portal, das vor allem ehemalige Klotemer, die in alle Welt verstreut leben, mit ausgewählten Beiträgen aus der Printpublikation beliefert. Doch Leo Niessner, junger und innovativer Chefredaktor setzt auch auf Facebook. Die von Lukas Juan Hegner gegründete Gruppe Kloten umfasst mittlerweile mehr als 300 Mitglieder, die Gruppe des Stadtanzeigers über 160. So viele Neuabonnenten hatte das Printmedium innerhalb von so kurzer Zeit noch nie. Man arbeitet freundschaftlich zusammen, z.B. mit der ersten Facebook-Party im Zürcher Unterland, die am vergangenen Mittwoch mehrere hundert Leute aus allen Altersgruppen in den Nachtclub Floor brachte.

In Kloten hat der traditionell publizierte und in die Haushaltungen verteilte Stadtanzeiger noch ein langes Leben. Die Beiträge sind geplant, redigiert und selbst, wenn man als Lokaljournalist ungeschickt fotografiert, werden die Bilder publikationswürdig aufbereitet. Die Facebook Gruppe ist  komplementär, und es macht Spass, die Inhalte gegenseitig auszutauschen. Aufwand und Ertrag abzustimmen, ist Sache des Verlagsmanagements. Kleinverleger, wie die Familie Spross in Kloten oder die Familie Gossweiler in der Jungfrauregion sind oft schneller  als die schweren Dampfer der Schweizer Medienszene. Und sie bezahlen uns „Freie“ fair und pünktlich.

In den vergangenen Wochen waren wir immer wieder mit international erfolgreichen Fotograf/innen im Gespräch, die über keine eigene Website wie www.maxmuster.net und allenfalls „nur“ über eine gmx-Adresse verfügen. Die eigene Webpräsenz findet sich vielmehr auf MySpace, Flickr oder vergleichbaren Angeboten.

090525_rogiersDie Argumente sind überzeugend. Eine „originell“ gestaltete, eigene Website ist kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Mit den Bildern und Eventinformationen möchte man möglichst direkt seine Zielgruppe erreichen. Eine gute MySpace Subdomain ist heute markenmässig vermutlich mehr wert als eine eigene Domain. Die technischen Vorteile sind enorm: Mit wenigen Mausklicks hat man von irgend einem Browser aus seine Präsenz umgebaut und erweitert. (Bildnachweis: Antoine Roegiers. Der junge belgische Crossmedia-Künstler nutzt Facebook, MySpace und YouTube je nach Arbeit.)

MySpace bietet neu den Upload und die Verwaltung über iPhone und andere „smarte“ Handys. Technisch funktioniert es meistens, doch zur Überprüfung sollte man Zugriff zu einem Bildschirm mit Standardauflösung haben.  So sieht man auf vielen MySpace Sites Code-Fehler; Bilder erscheinen nicht (Übertragungsprobleme vom Handy?), und man sollte nicht „on the go“ mit einem Kaffeebecher in der anderen Hand rasch etwas aufschalten. Die Technik ist noch in der Kinderschuhen, wie viele ihrer User. Doch beide haben Potenzial.

Unterwegs trifft man auf immer mehr „Leserreporter„. Blick übernimmt mit Schweizer Schwerfälligkeit die Errungenschaften der grossen Schwester Bild-Zeitung.  Bei Bild nennt man sie werbewirksam Bild-Leserreporter, bei Blick Leserreporter. Das gabs schon mal mit „Blick war dabei„. Bereits in den sechziger Jahren erhielt man Cash, wenn man per Telefon die Redaktion alarmierte.

Nun sind die Ansprüche wesentlich höher. Wenn eine Katze durch die Feuerwehr von einem Telefonmast gerettet wird, nimmt Blick ein Symbolbild aus dem Archiv. Ein umgekippter Milchlastwagen in Gebertingen am Ricken/SG bringt CHF 100.-. Wenn ein verwirrter Jungkoch ins Bärengehege im Tierpark Langenberg steigt und Blick exklusiv die einzige Aufnahme bringen kann, dürfte mehr drin liegen. Auch 20Minuten bezahlt CHF 100.-, nur erscheint die Pendlerzeitung lediglich während 5 Tagen in der Woche. Interessanter für Leserreporter ist Blick am Abend, weil Tagesereignisse bei der sehr kurzen Produktionsfrist nicht nachfotografiert werden können.

Medienlese.de hat die Konditionen für Leserreporter innerhalb der deutschsprachigen Presselandschaft aufgelistet, kommentiert und mit dem angelsächsischen Raum verglichen. Dort kann man mit dem Klick zum richtigen Zeitpunkt mindestens den Betrag eines Fünfers im Lotto erzielen. In der Schweiz gibt es bis heute nach unserem Wissen noch keine Agentur, die aktuelle Amateurbilder vermarktet.

Leserreporter sind die Kellerkinder des Journalismus. Wie Marc Walder in einem Interview mit René Wornli auf der Medienseiten von Sonntag CH gesteht, bezahlte Ringier für die vier Bilder der Hochzeit von Roger Federer mit Mirka den höchsten Betrag in der Verlagsgeschichte. Geschätzt wird CHF 60 000.-.  Die Obergrenze des Honorars für eine Exklusivgeschichte liegt gemäss Walder bei CHF 2 000.-, sozusagen als Spesenentschädigung für einen halben Tag an der Dufourstrasse.

Die Sonntagspresse ist an diesem Wochenende alles andere als aktuell und hat viele Beiträge wegen des Feiertags vorproduziert. Was im Stehsatz verblieben ist, erhalten wir an Pfingsten. Sonntag CH zeigt, wie Sportminister Ueli Maurer gegen Hooligans vorgehen möchte. Mit der  Forderung nach Zurschaustellung auf dem Internet dürfte selbst ein Bundesrat an Grenzen des Rechtssats gelangen.

Als Stargast präsentiert Sonntag CH Melanie Winiger, nach Urteil der Interviewer die „schönste Ex-Miss der Schweiz“ und Vorzeigemiss von Coop. Die Aufnahme stammt von Martin Stollenwerk. Sonntag CH könnte sich täuschen.  Als unsere Aargauer Kollegen von der Trennung von Jennifer Ann Gerber von ihrem Franceso berichtete, war diese mindestens so schöne Miss im Special über Nachhaltigkeit des Migros-Magazin auf dem Laufsteg. Jennifer Ann möchte man doch lieber als Nachbarin, mit ihr über den Gartenzaun pläuderlen.  Coop gegen Migros, – Fortsetzung folgt.

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