Urs Tillmanns, 23. April 2011, 07:00 Uhr

Buchtipp: «Vertikale Ebenen – Felslandschaften in den Glarner Alpen»

Das Buch von Fridolin Walcher ist keine Neuerscheinung; es ist im letzten Oktober herausgekommen, verbunden mit einer gut besuchten Ausstellung. Aber es ist einzigartig. Nicht einfach ein weiteres Alpenbuch also, sondern eines, das typisch für den bekannten Glarner Fotografen ist und seine Sichtweise einer faszinierenden Felslandschaft zeigt.

Nein, eine fotografische Dokumentation über die Glarner Landschaft ist es nicht. Es fehlt das liebliche und harmonische Landschaftsbild, welches für das Glarnerland (auch) typisch ist. Fridolin Walcher hat sich auf ein ganz bestimmtes Thema konzentriert: Auf vertikale Ebenen, auf Landschaften, die nicht horizontal verlaufen, sondern senkrecht, in schroffen Bergwänden, bedrohenden Felsmassiven und steil abfallenden Schneefeldern.

Die Felsen haben Fridolin Walcher nicht immer fasziniert. Sie wären eine rechte Bedrohung gewesen, sagt er, als er als Dreizehnjähriger von den Bergen ins Tal hinunter kam. «Ich habe mich in ihrer Nähe verloren gefühlt», erzählt der Fotograf. «Es ist daraus eine Hassliebe geworden. Dann hat mich jedoch die Kraft der Felsen in ihren Bann gezogen und schliesslich ist daraus eine Liebe geworden.» Seit fast zwei Jahrzehnten befasst sich Fridolin Walcher mit diesem Thema, und je länger er sich mit diesen natürlichen und kraftvollen Strukturen auseinandersetzt, desto mehr fühlt er sich in ihren Bann gezogen. Dem Betrachter des Bildbands geht es nicht viel anders …

Felsen sind nicht einfach Gesteinsformationen, sondern es sind faszinierende Strukturen, die sich laufend verändern, weil Licht und Wetter sie immer wieder in anderen Stimmungen erscheinen lassen. «Diese Stimmungen übertragen sich auf mich – oder ist es meine Stimmung, die ich in den Felslandschaften wiederfinde?»

Die Landschaft selbst spielt in den Bildern von Fridolin Walcher eine untergeordnete Rolle. Er greift gekonnt Ausschnitte aus den riesigen Bergmassiven heraus und präsentiert so natürliche, von Licht und Wetter beeinflusste Strukturen, deren grafische Formen sein fotografisches Auge wahrnimmt, und die er gekonnt ins Format setzt – Details, die wir wahrscheinlich übersehen hätten … Da und dort scheinen sich ein paar Herdentiere oder ein Bergbauer in das Bild verirrt zu haben, doch sie flössen den Bilder anderes Leben ein und sind auch Bezugsgrössen, die man an den Felsstrukturen sonst nur schwerlich findet.

Der Bildband ist vorbildlich gestaltet mit dem nötigen Freiraum, welchen die Bilder auf den Doppelseiten brauchen, um die gewollte Wirkung zu erzielen. Auf den weissen Flächen stehen Kurztexte von Fridolin Brühlmann, die kaum einen direkten Bezug zu den Bildern haben, die jedoch zum Nachdenken anregen und uns plötzlich in eine ganz andere philosophische Welt entführen. Es sind diese Texte, ebenso wie die Einleitung von Nadine Olonetzky und der geografische Exkurs von Rahel Marti, die den Bildband lesenswert ergänzen.

Urs Tillmanns

Buchbeschreibung des Verlags

Nicht die Berggipfel und der Blick hinunter, nicht der Blick hinauf zu den Bergspitzen stehen hier im Mittelpunkt. Vielmehr sind es die vertikalen Ebenen dazwischen: Fridolin Walcher tastet mit der Kamera die karge und zugleich reiche Landschaft der schroffen Felswände ab, die sich in den Glarner Alpen von der Talsohle direkt in den hochalpinen Bereich emporziehen. Er geht nahe an die Felsenwelt heran, folgt ihren Strukturen im Grossen und im Kleinen und zeigt sie als Band zwischen der Lebenswelt unten im Tal und dem Himmel darüber.

Nadine Olonetzky reiht Walchers Bilder in die Geschichte der Alpenfotografie ein, während Rahel Marti der Vertikalen die Horizontale entgegensetzt: Wie lebt es sich eigentlich zwischen Wänden und Hängen? – «Die Gipfel, von denen aus es in allen Richtungen abwärts geht, haben mich kaum je gelockt», bekennt sich der Autor Otto Brühlmann zum Programm dieses Bildbands. Seine verdichteten Reflexionen begleiten darin Fridolin Walchers Felslandschaften in ganz eigenem Rhythmus.

Die Autoren

Fridolin Walcher, geboren 1951, ist in Braunwald GL aufgewachsen. Er lebt in Nidfurn im Glarner Hinterland und arbeitet seit 1991 als freiberuflicher Fotograf. Daneben arbeitet er an freien Ausstellungsprojekten und Büchern wie «Glarus – einfach» (1994), «Mitten in der Zukunft» (1998), «In der Lebensmitte» (2007) und «Von Glarus nach Belo Horizonte» (2007). www.fridolinwalcher.ch

Otto Brühlmann wurde 1928 in Sax im Rheintal geboren und ist in St. Margrethen aufgewachsen. Nach Wanderjahren in Frankreich, Spanien und Deutschland war er von 1956 bis 1993 Lehrer im Glarner Sernftal. Neben Feuilletontexten und Stücken für die eigene Theaterarbeit mit Jugendlichen schrieb er u.a. den Text für «Glarus – einfach» sowie «Grenze – Eine Geschichte» (2009).

Rahel Marti, 1976, ist in Matt GL aufgewachsen. Die ausgebildete Architektin ist leitende Redaktorin der Zeitschrift «Hochparterre» und schreibt für diverse Fachzeitschriften und Zeitungen zu den Themen Planen, Bauen und Gestaltung. Sie lebt in Zürich und wenn immer möglich in den Glarner Bergen.

Nadine Olonetzky, 1962, schreibt als freie Autorin u.a. für die «NZZ am Sonntag» sowie Beiträge zu Fotografie, Kunst und Kulturgeschichte für Bücher und Kataloge. Sie ist Lektorin und Autorin im Verlag Scheidegger & Spiess und Mitglied der Ateliergemeinschaft «kontrast» in Zürich.

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Fridolin Walcher
«Vertikale Ebenen ̶– Felslandschaften in den Glarner Alpen»
Mit Texten von Otto Brühlmann, Nadine Olonetzky und Rahel Marti
144 Seiten mit 80 grossformatigen Duplex-Bildern
Karte mit Aufnahmestandorten im Anhang des Buches
30,5 x 27,5 cm, Halbleinenband
Preis: CHF 78.00 / EUR 56.00 (inkl. MWSt, plus Porto)

Das Buch kann hier online bestellt werden.

 

 

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