Urs Tillmanns, 27. September 2012, 16:00 Uhr

Lichtfeldkamera «Lytro» – erstes Hands-on auf der photokina

(update) Die Lichtfeldkamera «Lytro» – auch plenoptische kamera genannt –, bei der man die Lage der Schärfeebene im fertigen Bild beliebig verändern kann, kommt allmählich auf den Markt. Auf der photokina hatten wir Gelegenheit, ein Vorserienmuster davon zu erproben. Hier die Erfahrungen und Erkenntnisse von Gabriele Remmers, die damit fotografiert hat.

Mal vorweg: Die wundersame Lichtfeldkamera «Lytro», über die Fotointern.ch schon berichtet hatte, wird für uns in absehbarer Zeit noch nicht erhältlich sein. Wer vor der Photokina darüber spekuliert hatte, dass «Lytro» hier als Aussteller auftreten würde, gar endlich den Verkaufsstart für Europa ankündigen würde: tja, der lag daneben.

Lytro lässt also weiter auf sich warten. Dennoch gab es während der Photokina – höchst konspirativ – die Gelegenheit, mit einer Lichtfeldkamera zu fotografieren und Fragen zu stellen. Bei einem diesem «Photowalk» konnten wir nicht nur die Lytro selbst ausprobieren, sondern auch mit Eric Cheng sprechen, dem Director of Photography bei Lytro. Eric Cheng kennt Ren Ng, den CEO von Lytro, bereits aus der Schulzeit. Ren ist der geniale Erfinder und Entwickler hinter dieser ersten Lichtfeldkamera für Verbraucher. Es ist nämlich keineswegs die erste oder gar einzige Lichtfeldkamera, von der wir hier sprechen: Die Firma Raytrix bietet nämlich eine industrielle Lösung an.

Das aufgelegte 1-Euro-Stück dient als Grössenvergleich. Zur Datenübertragung gibt es ein USB-Stecker – ein Speicherkarteneinschub fehlt

 

Nur ein Vorgeschmack

Die gerade zwei handvoll Leute erhielten zunächst von Eric eine Einführung in die Bedienung. Diese ist weitgehend intuitiv und funktioniert teilweise mit «Wisch»-Bewegungen, wie wir es von iOS-Geräten gewohnt sind. Die Metallgehäuse der Lytro werden in unterschiedlichen Farben angeboten, haben aber alle dieses graue Kachelmuster am Ende: dieser Teil ist für die Bedienung. Es gibt eine Ein/Aus-Taste an der Unterseite und einen Auslöser an der Oberseite. Drückt man in diese Mulde, schaltet sich die Lytro aber auch ein. Streicht man mit dem Finger von links nach rechts oder umgekehrt, bedient man das Zoom. Die Lytro ist mit einem achtfachen optischen Zoom ausgestattet, bei einer durchgehenden Lichtstärke von 1:2,0. Eine gute Voraussetzung für Fotos auch bei schlechteren Lichtverhältnissen.

Eric Cheng  ist Director of Photography bei Lytro. Im Hintergrund sieht man die Handhabung der Kamera

 

Komfort ist anders

Leider ist der LCD auf der Rückseite echt winzig, was an herkömmlichen Digitalkameras zuletzt vor etwa zehn Jahren akzeptierter Standard war. Aber das lässt sich bei der ungewöhnlichen Bauform einfach nicht anders lösen. Zum Zielen und für die Wahl des Bildausschnitts reicht das so einigermassen. Im Tageslicht bei unserem Photowalk noch irgendwie zu erkennen, was man da gerade aufgenommen hat, war aber fast unmöglich.

Das Display ist klein und dunkel, sowohl bei der Einstellung (links) als auch bei der Bildbetrachtung (rechts)

Wie auch bei anderen Kameras kann man ein paar Einstellungen vornehmen, und das Menü dafür wird auch auf der LCD-Briefmarke angezeigt. Das ist unkomfortabel, um es höflich zu sagen. Im Wiedergabe-Modus «wischt» man von einem Bild zum nächsten. Per Touchscreen-Bedienung kann man Bilder löschen oder mit einem Sternchen für den späteren Download markieren. Die Bilder werden übrigens in den internen Speicher abgelegt. Je nach Modell ist Platz für 350 oder 750 Bilder. Einen Speicherkartenslot gibt es nicht.

Der Sensor in den Lytro-Kameras hat eine Auflösung von 11 Megapixeln, auf Grund der Lichtfeldtechnologie haben die resultierenden Bilder aber nur etwa 1,2 Megapixel – die einfallenden Lichtstrahlen werden durch ein sogenanntes Mikrolinsenarray gelenkt und die Anzahl der Mikrolinsen entspricht in etwa der Bildauflösung hinterher. Wer sich für die Technik in der Tiefe interessiert, kann hier eine Einführung in die Lichtfeldfotografie (engl.) lesen, oder alles im Detail in  Ren Ng’s Doktorarbeit finden.

Wie Eric uns bei der Einführung erklärte, gibt es derzeit zwei Aufnahme-Modi, nämlich den «Point-and-Shoot»-Modus und den «Creative»-Modus. «Point-and-Shoot» meint einfach Automatik, draufdrücken und los. Auf Grund der knappen Zeit haben wir im Wesentlichen in diesem Modus fotografiert – die Bilder kann man hier sehen.

Die Schärfeebene lässt sich im fertigen Bild beliebig verändern

 

Bilder verarbeiten

Zur Zeit lassen sich die Fotos nur direkt von der Kamera stationär herunterladen, so erklärte Eric auf entsprechende Nachfrage. Ich hätte doch gern das eine oder andere «normale» Bild aus meinen Aufnahmen extrahiert, um die Qualität genauer unter die Lupe zu nehmen. Es hat mich geärgert, dass ich nicht einfach meine Bilddaten aus dem Netz herunterkopieren oder per eMail bekommen kann, um sie lokal abzulegen und zu bearbeiten. Dafür hätte ich meinen Computer zur Hand haben müssen, die Lytro-Software installieren (Voraussetzung: Betriebssystem ab Mac OS 10.6.6 oder Windows 7 mit 64-bit) müssen, um dann die Bilder von der Kamera ziehen zu können.

 

Unsichere Rechtslage

So erklärt sich übrigens (teilweise), warum die magische Lichtfeldkamera in Europa bisher auf sich warten lässt: Eric antwortete auf meine Frage, dass vor einem Verkaufsstart zunächst das Thema der Bildveröffentlichungen im Internet geklärt sein müsse, da man hier bei uns so strikt mit den Bildrechten umgehen würde. Bilder lassen sich ja mit anderen nur über den Upload auf die Lytro-Seite teilen – um Freunde an dem Erlebnis des nachträglichen Fokussierens teilhaben zu lassen, müssen sie entweder vor dem selben Computer sitzen, oder man stellt die Bilder mehr oder weniger öffentlich ins Netz.

Durch die veränderte Lage der Schärfeebene entsteht ein völlig anderes Bild. Das gibt rechtliche Unsicherheiten: ist das veränderbare Bild nach geltendem Urheberrecht schützbar?

Ein anderer Aspekt in Sachen Bildrechte: Wer ein konventionelles Foto schiesst, hat einen gewissen kreativen Anteil daran – man legt die Schärfe irgendwo hin, belichtet, wählt den Bildausschnitt. Die Wahl der Bildschärfe ist dabei wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte für die Bildaussage. Der Fokuspunkt erzählt die Geschichte des Bildes, dort wo es scharf ist, wird die Aufmerksamkeit hingelenkt. Wo bleibt dieser kreative Faktor, wenn man den Fokuspunkt erst nachträglich festlegen kann? Was ist mit Fotografen und Fotokünstlern? Die Frage nach dem Schutz des Werkes und dem Urheberrecht bekommt mit dieser Problematik eine neue Dimension.

Mit dem Lichtfeld halte ich einfach einen Moment an dem Ort fest, an dem ich mich gerade aufhalte. Am Lichtfeld-Bild ist kaum erkennbar, welche «Geschichte» der Mensch am Auslöser dabei im Sinn hatte. Erst wenn man ein stationäres Bild daraus zieht, entsteht ein nachvollziehbarer Gedanke in Bildform. Würde ich nun ein Lichtfeldbild ins Netz stellen, und ein anderer könnte (was ja im Moment nur über einen Screenshot realisierbar ist) daraus ein beliebiges Bild extrahieren: Wer hat an dem extrahierten Ausschnitt die Urheberrechte, der Auslöser-Drücker, oder derjenige, der den Ausschnitt extrahiert. Die Rechte-Diskussion ist ja im vollen Gange, und so kann es sein, dass wir auf Lytro in den meisten europäischen Ländern noch etwas warten müssen. Einerseits schade, weil so ein tolles Gadget mancher schon bald haben möchte. Anderseits ist die Technik noch nicht ausgereift, denn die Bilder haben zu wenig Auflösung. Deshalb lohnt sich das Warten wahrscheinlich …

Noch eine Erfahrung: Auf der Photokina bin ich damit kaum vom Fleck gekommen. «Ist das Deine? Kann man die jetzt endlich kaufen?» hiess es alle fünf Meter. Eine Nachfrage nach der andersartigen Kamera besteht demnach ohne Zweifel.

Gabriele Remmers

Anmerkung der Redaktion: In den USA ist die Lytro seit Mitte September 2012 verfügbar. Die Version mit 8 GB Speicher (für ca 350 Bilder) kostet USD 400.00, diejenige mit 16 GB (für ca 750 Bilder) USD 500.00.

Eine Erklärung der Funktionsweise finden Sie hier auf Wikipedia.

Die Bilder, welche Gabriele Remmers auf der photokina fotografierte, sehen Sie hier.

Update: Digitec.ch hat die Kamera in beiden Versionen als «verfügbar» gelistet. (Danke Peter Klein für den Hinweis)

 

 

 

5 Kommentare zu “Lichtfeldkamera «Lytro» – erstes Hands-on auf der photokina”

  1. Raytrix.de hat auch plenoptische Kameras. Ab 1200 euro bis 18000 euro wenn ich mich nicht irre. Wer in Hamburg ist sollte zumindest mal die erwinglichen testen.

  2. digitec liefert die Kamera übrigens schon aus. Bin im Besitz einer solchen, seit ca. 2 Monaten.
    Die Begeisterung hält sich als Nikon D700-Benutzer aber in massiven Grenzen. Eine nette Spielerei mit einer Technologie der Zukunft, die aber kaum den momentanen Preis wert ist!!!

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