Gastautor/-in, 6. August 2017, 12:24 Uhr

Fujifilm GFX 50S – wenn Grenzen verschwimmen

Peter und Ursula Schäublin sind drei Wochen im Nordwesten Frankreichs unterwegs gewesen und haben dabei die neue Fujifilm GFX 50S in der Praxis getestet. Dabei haben die beiden besonders interessante aber auch schwierige Motive ins Auge, bzw. in den Sucher gefasst.

 

Drei Wochen «en France» unterwegs mit unserem Land Rover. Im Gepäck die Fujifilm GFX 50S, im Herzen die Sonne, in der Kühlbox feinen französischen Käse, dazu ein paar Flaschen vergorener Rebsaft de la France, Herz was willst du mehr … Um es vorwegzunehmen: Alles hat unseren hohen Ansprüchen standgehalten – der Wein, der Käse und die GFX. Dennoch war es eine Reise, die uns innerlich mehr mitnahm, als wir dachten. Der Begriff «Grenzen» stand schon ganz am Anfang im Raum, entwickelte aber noch unerwartete Bedeutungen. Doch alles der Reihe nach …

 

Grenzen verschwimmen – zwischen Kleinbild und Mittelformat

Hasselblad und Fujifilm präsentieren 2016 beide fast zeitgleich eine spiegellose Mittelformatkamera. Ein Sensor mit rund 50 Megapixeln, dazu ein bisschen Gehäuse drum herum, und die Fotowelt hat zwei Mittelformatkameras mit einem Body, der nicht viel grösser als derjenige einer Vollformat DSLR ist. Mittelformat heisst: Der Sensor ist grösser als 36 x 24 mm (was dem Mass des früheren Kleinbildnegativs oder -dias entspricht und deshalb als «Vollformat» gilt). Bei der GFX räkeln sich die 51 Millionen Bildpunkte auf 43.9 x 32.9 mm. «Räkeln» deshalb, weil bei dieser Sensorgrösse logischerweise jeder Bildpunkt etwas mehr Platz hat. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sony den Sensor sowohl für die Hasselblad X1D 50C als auch für die Fujifilm GFX 50S liefert. Es gibt unterdessen genügend Labortests, in denen die beiden Kameras verglichen werden und auch diverse Testberichte, in denen die X1D und die GFX verglichen werden. Weil ich nicht bereits gekochte Suppen aufwärmen möchte, konzentriere ich mich in meinem Bericht darauf, wie sich die GFX in der Praxis anfühlt.

 

Die Fujifilm GFX 50S ist praktisch gleich gross wie eine Vollformat-DSLR. Zudem hat man alles im Blick: Die wichtigen Parameter Blende, Verschlusszeit und ISO können an der GFX eingestellt werden, ohne dass ich die Kamera ans Auge nehmen muss. Sogar der kleine Belichtungskorrektur-Knopf rechts neben dem Auslöser hat noch auf der Kameraoberseite Platz gefunden. Alle Elemente sind auch bequem bedienbar, wenn ich die Kamera am Auge habe. (Fujifilm Pressebilder)

 

Grenzen verschwimmen – zwischen den Einsatzgebieten, Teil 1

Freitag vor der Abreise: Walter Weber von Fujifilm Schweiz drückt mir die GFX mit einem feinen Lächeln in die Hand. Man spürt: Man ist stolz auf das Flaggschiff. Und dass Fujifilm Mittelformat kann, daran zweifelt eigentlich niemand wirklich, denn die Firma hat eine lange analoge Mittelformat-Tradition und baut bereits seit Jahren die Objektive für die Hasselblad H-Serie.

Angenehm fällt mir auf, dass sich die Kamera nicht nur über die beiden Rädchen bedienen lässt, sondern auch ganz «old-style»-mässig über den Blendenring am Objektiv und die Bedienräder für Verschlusszeit und ISO-Empfindlichkeit auf der Gehäuseoberseite. Ganz rechts aussen hat Fujifilm in verwegener Position noch einen kleinen Knopf für die Belichtungskorrektur positioniert. Ich kann also von oben auf die Kamera sehen und ohne dass ich die Kamera ans Auge nehme alle Parameter voreinstellen. Klasse. Wenn ich durch den Sucher schaue, kann ich, ohne dass ich mein Auge vom Sucherbild löse, Verschlusszeit, Blende, ISO und die Belichtungskorrektur bedienen. Weil die GFX eine spiegellose Kamera ist, kann ich mir das realisierte Bild gleich im Sucher anzeigen lassen. So sehe ich unmittelbar, ob das Bild gelungen ist oder nicht. Gerade bei Porträts ist das sehr angenehm. Ich muss meinen Flow nicht dauernd unterbrechen, um auf den Screen zu sehen oder die Einstellungen zu verändern. Grosse Klasse. Die GFX liegt sehr gut in der Hand, und ich ahne bereits, dass mit dieser Kamera weit mehr möglich ist als mit den bisher eher grossen und schweren Mittelformatpixelriesen.

 

Grenzen verschwimmen – zwischen Freund und Feind

Unsere Reiseidee ist relativ simpel: Wir tuckern mit «Sir George», unserem betagten Land Rover, der Küstenlinie der Normandie und der Bretagne entlang, um in der Zone, wo Land und Wasser sich treffen, zu fotografieren. Dabei möchte ich immer wieder das besondere Element in dieser Zone suchen. Meine Internetrecherchen ergeben, dass in der Normandie noch das eine oder andere Stück Beton aus dem zweiten Weltkrieg am Strand liegt, und so erleben wir gleich zu Beginn unserer Reise eine skurrile Begegnung der besonderen Art:

Der Bunker von Saint Marguerite-sur-Mer

Der Bunker von Saint Marguerite sur Mer, kurz vor Sonnenuntergang. Aufgenommen mit der Fujifilm GFX 50S, GF 4/32–64mm LM WR auf 32 mm, 1/500 sec, f16, 200 ISO, ohne Stativ. Postproduktion:  Tiefen aufgehellt, Lichter etwas abgedunkelt. Dank 14 Blendenstufen Dynamikumfang kann ich auch auf der Schattenseite des Bunkers noch Zeichnung aus den Rohdaten  herausholen.

Am Strand dieses kleinen Nests mit rund 500 Einwohnern steckt ein deutscher Bunker grotesk um 90 Grad verdreht im Kiesbett der Gezeitenzone. Ein stummes Mahnmal gegen den Wahnsinn des Krieges. Wie um die Groteskheit noch zu komplettieren, strahlt die Sonne in ihrer schönsten Form vom Himmel. Ich fühle mich angesichts der Wucht dieses riesigen Betonklotzes und seiner Geschichte ganz klein, und die Fototechnik rückt irgendwie in den Hintergrund. Trotzdem möchte ich das Monument mit der GFX festhalten. Die 14 Blendenstufen Dynamikumfang der Kamera kommen in dieser Serie bei den Gegenlichtaufnahmen voll zum Einsatz. Ich bin von der Qualität des 1:4/32–64 mm Zooms (entspricht einem 25–51 mm-DSLR-Vollformatobjektiv) so angetan, dass ich die 63er Festbrennweite nicht einsetze. Ich experimentiere mit ND-Filtern und langen Verschlusszeiten, muss aber feststellen, dass besonders einer meiner Filter wohl viel D aber wenig N hat. Will heissen: Ich muss nachher in Lightroom Farbstiche ausgleichen. Das geht wohl, ist aber trotzdem etwas ärgerlich.

 

Mal knapp belichten, mal etwas reichlich – das grosse Sucherbild der GFX zeigt immer schon vor dem Auslösen, wie das Bild wird, wenn ich abdrücke. Die Lichtwertskala reicht von -5 bis +5. Endlich hat jemand kapiert, dass die Zeiten, in denen wir nur von -3 bis +3 arbeiten können, vorbei sind. Damit kann man die Grenzen des Machbaren viel präziser ausloten.

Die GFX hat nebst dem mechanischen auch einen elektronischen Verschluss. Dieser kommt zum Einsatz, wenn sehr kurze, nur elektronisch zu erreichende Verschlusszeiten nötig sind und wenn das Geräusch oder die Vibration des mechanischen Verschlusses stört. Der Nachteil des elektronischen Verschlusses sind sogenannte Rolling Shutter Effekte bei sich bewegenden Motiven. Die GFX bietet deshalb als zusätzliche Option einen elektronischen ersten Verschlussvorhang und einen zweiten mechanischen. Keine Ahnung, wie das technisch geht. Der Vorteil dieses Mixes ist, dass die Vibration durch den ersten Verschlussvorhang wegfällt, aber kein Rolling Shutter Effekt eintritt. Dieser Modus bewährt sich zum Beispiel bei Aufnahmen mit längeren Verschlusszeiten, in denen sich etwas bewegt. Die Kamera reagiert in diesem Modus etwas verzögert, was gewöhnungsbedürftig ist, bei dieser Art von Aufnahmen aber in der Regel keine Probleme macht.

 

Dank Aufstecksucher und EVF-Adapter kann man auch aus tiefen oder hohen Positionen sehr angenehm arbeiten. Wenn man den Sucher um 90° abwinkelt, kommt beinahe ein wenig Schachtsucher-Feeling auf ;-). Auch der Monitor ist sowohl um die horizontale wie auch im die vertikale Achse schwenkbar, was bei extremen Aufnahmepositionen eine zusätzliche Hilfe ist. Ich bevorzuge jedoch wenn immer möglich den Sucher, um das Bild zu komponieren. (Foto: Ursula Schäublin)

Auch beim Sucher bietet die GFX drei Möglichkeiten: Man kann nur mit dem Screen arbeiten, was die Kamera proportional etwas unausgewogen aussehen lässt, sie aber sehr kompakt macht. Der elektronische Aufstecksucher kommt bei hellem Umgebungslicht zum Einsatz. Er bietet ein klares Bild, ist aber kontrastreicher als der Rückseiten-Screen. Kleiner Wermutstropfen: Die Dioptrienkorrektur am Aufstecksucher kann nicht arretiert werden und verstellt sich dadurch oft. Die dritte Variante ist die Kombination vom Aufstecksucher mit einem Winkelgelenk. Dieses Gelenk – und auch der klappbare Monitor – machen es möglich, auch in extremen Aufnahmepositionen volle Kontrolle über das Bild zu behalten.

Gerne würde ich vom Bunker noch einige Aufnahmen mit dem neuen 23 mm Superweitwinkel (entspricht 18 mm im Kleinbild-Vollformat) realisieren, doch es ist zur Zeit unserer Reise noch nicht verfügbar.

 

Hohe ISO-Werte – geht auch …

Es ist eine laue Sommernacht, und einige noch erhaltene Geschütztürme stehen in krassem Gegensatz zum wunderschönen Vollmond, der gütig die Szene erhellt. Da will ich doch mal prüfen, wie die GFX mit höheren ISO-Werten umgeht. Ich schnappe die Kamera mit dem 32–64er und ziehe ohne Stativ los:

 

Die Geschützsstellungen bei Longues-sur-Mer im Abendlicht. Fotografiert mit Fujifilm GFX 50S, GF 4/32–64mm LM WR auf 32 mm, 1/30 sec, f4, 1600 ISO, elektronischer Verschluss für Vibrationsreduktion. 1600 ISO geht meines Erachtens problemlos, 3200 ISO für reportagemässige Fotos auch. Bei der Postproduction habe ich die Tiefen leicht aufgehellt

 

Der künstliche Hafen von Arronmanches-les-Bains

Weiter geht die Reise in der Geschichte. In Arronmanches-les-Bains fotografiere ich die Überreste eines künstlichen Hafens, den die Alliierten nach dem D-Day angelegt haben. Ich habe mir vor der Abreise die Gezeitenabläufe notiert, um das rostige Monument mindestens einmal so fotografieren zu können, dass es quasi in einem Wasserteppich liegt. Ich stehe manchmal beinahe bis zu den Knien im Meer und arbeite konzentriert mit der GFX. Ein Fehler, und das Objektiv oder die Kamera liegt im Salzwasser, und ich käme gegenüber Walter Weber in grosse Erklärungsnot …

 

Der künstliche Hafen von Arronmanches les Bains bei steigender Flut. Bei diesem Bild geht es nicht in erster Linie darum, ein reales Abbild zu schaffen, sondern die von mir vor Ort empfundene Stimmung zu transportieren. Fotografiert mit Fujifilm GFX 50S, GF 4/32–64mm LM WR auf 32 mm, 120 sec, f18, 200 ISO, ND-Filter mit Stativ. Bewusstes Übersteigern der Blautöne, indem ich den Weissabgleich auf Sonnenlicht belasse. In der Postproduktion habe ich den Himmel und das Wasser ganz oben und unten leicht angedunkelt

Doch die Kamera ist wirklich «easy going». Einmal mehr bewährt sich das Einstellkonzept mit den Rädern, das mir auch in heiklen Kamerapositionen erlaubt, von oben alle wichtigen Parameter zu verstellen. Wieder meistert die GFX die teilweise hohen Kontraste hervorragend, und der Sensor liefert im Zusammenspiel mit den auf 100 Megapixeln ausgelegten Objektiven detailreiche Bilder mit einer unglaublichen Plastizität.

 

Oft stehe ich bei meinen Aufnahmen im Wasser und muss aufpassen, dass nichts nass oder sandig wird. Je einfacher die Kamera in einer solchen Situation zu bedienen ist, desto besser. (Screenshots aus 4K-Videos von Ursula Schäublin)

 

Die Erfahrung in der Postproduktion, die ich bereits beim Arbeiten mit der Hasselblad H6D 50c gemacht habe, bestätigt sich: Mittelformatbilder sind in der Nachbearbeitung «gutmütiger». Sie lassen sich mehr nachschärfen als ein DSLR-Bild, und so kann ich über den Klarheit- und Schärferegler in Lightroom bei Bedarf die bereits im Rohzustand knackigen Bilder noch etwas plastischer machen. So wirken zum Beispiel die Detailaufnahmen von den rostigen Blechen sehr real. Und wenn man dann so ein File gross printet, ist diese «visuelle Greifbarkeit» einfach genial.

 

Das Hafenelement von Arronmanches les Bains bei Ebbe und in Schwarzweiss umgesetzt verleiht dem Bild eine zusätzliche Dramatik

Unterdessen hat uns die Geschichte des D-Days so eingeholt, dass wir entgegen unserer ursprünglichen Planung ein Museum und einige Soldatenfriedhöfe – sowohl von den Allierten als auch von den Deutschen – besuchen. Es macht betroffen. Und es ist schwer, in Worten auszudrücken, was in uns vorgeht. Krieg ist schrecklich. Für alle. Ob Freund oder Feind.

 

Auf der Weiterfahrt finden wir einen Bunker, auf den die Janusz-Korczak-Gesamtschule Bottrop ein Bild mit einer Friedenstaube gemalt hat. Die Dellen in der Betonwand sind wie dunkle Wolken, doch sie können die fliegende Friedenstaube nicht aufhalten. Oft halten wir inne und denken an die vielen Menschen, die durch den Krieg starben, an die Familien, denen Angehörige entrissen wurden und an die Traumata, die durch die schrecklichen Ereignisse eine ganze Generation geprägt haben.

 

Die Bunkerruinen von Néville, in der Mitte vielleicht die Basis eines Geschützturms? Aufgenommen mit der Fujifilm GFX 50S, GF 4/32–64mm LM WR auf 32 mm, 30 sec, f29, 200 ISO, ND-Filter, Stativ. Bei der Postproduktion leichte Farbverfremdung und -rücknahme, leichte Vignettierung.

 

Langsam geht unsere Reise Richtung Bretagne. Noch einmal, in Néville-sur-Mer, begegnen uns Überreste in Form von Bunkerruinen. Ich gebe diesen Bildern nachträglich in Lightroom einen leicht surrealistischen Touch. Die GFX bietet auch die Möglichkeit, den Look von Filmen aus der Analogzeit zu simulieren. Für mich eher eine Spielerei, doch wer’s mag, den wird dieses Feature freuen.

 

Grenzen verschwimmen – zwischen Land und Wasser

Angesichts der Wucht dieser stummen Zeitzeugen scheinen mir danach alle weiteren Fotosujets belanglos. Die Fotografie hat tatsächlich die Macht, vergangene oder aktuelle Ereignisse zu dokumentieren. Fotografen, die in Konfliktgebieten arbeiten, leisten unter Einsatz ihres Lebens wichtige Arbeit. In diesem Zusammenhang empfehle ich Ihnen den Besuch von Dominic Nahrs Ausstellung «Blind Spots», die noch bis am 8. Oktober in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen ist. Trotzdem oder gerade deswegen dürfen und sollen wir Fotografierenden aber auch die Schönheit unseres Planeten und dem, was Menschen geschaffen haben, zeigen.

 

Die Muschelpfähle bei Utah Beach. Auch bei diesem Bild geht es nicht in erster Linie darum, ein reales Abbild zu schaffen, sondern die von mir vor Ort empfundene Stimmung zu transportieren. Fotografiert mit Fujifilm GFX 50S, GF 4/32–64mm LM WR auf 32 mm, 50 sec, f20, 200 ISO, ND-Filter, Stativ. Bei der Postproduktion leichter Ausschnitt und Schwarzweissumwanldung in Lightroom. Himmel und Wasser ganz oben und unten leicht abgedunkelt.

 

Weil ich ja weiterhin Motive in der Gezeitenzone suche, stosse ich auf die Muschelpfähle bei Utah Beach. Nur bei Ebbe zu sehen, bilden sie ein reizvolles Motiv. Wieder stelle ich mich mit der Kamera ins Wasser und experimentiere mit Langzeitbelichtungen. Die Wellen sind hier aber so stark und der Sand ist so lose, dass mir das Meer während den Belichtungszeiten von bis zu vier Minuten oft die Kamera verschiebt und viele Bilder unscharf werden.

Der Stromverbrauch der GFX bewegt sich im Rahmen. Da ich oft mit langen, stromschluckenden Belichtungszeiten arbeite, kann es aber schon mal sein, dass ich im Lauf des Tages den Akku wechseln muss. Mit zwei Batterien komme ich aber gut über die Runden. Im Land Rover haben wir einen Spannungsumwandler und können den leeren Akku jeweils während dem Fahren wieder aufladen.

 

Abendstimmung bei Camaret-sur-Mer. Aufgenommen mit Fujifilm GFX 50S, GF 4/120mm LM-OIS, 1/250 sec, f16, 200 ISO

 

Grenzen verschwimmen – zwischen den Einsatzgebieten, Teil 2

 

Kitesurfer «in the air». Augenommem mit Fujifilm GFX 50S, GF  4/120mm LM-OIS, 1/1600 sec, f11, 400 ISO, AF-C, Bildstabilisator aktiviert. nachträglich leichter Ausschnitt auf rund 70% der Bildfläche – was ja bei 51 Mpx überhaupt kein Problem ist

Unterdessen habe ich die GFX so gut im Griff (oder sie mich?), dass ich unbedingt mal noch etwas Reportemässiges realisieren möchte. Die Kitesurfer am Strand kommen mir da gerade recht. Ich lerne Fred kennen und realisiere ein paar coole Aufnahmen von ihm und seinen Kumpanen. Die GFX hat einen sehr akkuraten Autofokus, auch im Continuos-Modus. Mit drei Bildern pro Sekunde ist sie nicht ultraschnell, und doch lassen sich damit fotografische Gebiete erobern, die bislang den Mittelformatmodellen verschlossen geblieben sind. Ich habe die zur Zeit längste Brennweite, das 4/120 mm Makro dabei.

 

Fred bei seinen Vorbereitungen …

… und unterwegs mit Turbowolke. Aufgenommen mit Fujifilm GFX 50S, GF 4/120mm LM-OIS, 1/1700 sec, f11, 400 ISO, AF-C, Bildstabilisator aktiviert. Nachträglicher Ausschnitt auf rund 15 Mpx

Um die Surfer nah fotografieren zu können, würde ich allerdings ein wesentlich stärkeres Tele benötigen. Fujifilm wird die Objektivpalette, die momentan von 23 bis 120 mm reicht, sicher noch weiter ausbauen, und eine lange Brennweite steht weit oben auf der Prioritätenliste. Auch lichtstärkere Objektive dürften folgen. Ein 2.0/110 mm ist gerade erschienen. Trotzdem wird die Objektivpalette wohl nie so umfangreich wie bei Systemen mit kleineren Sensoren werden. Darum stellt sich für viele Fotografen bei der Frage nach Kleinbild oder Mittelformat weniger diejenige nach dem Entweder-oder sondern eher nach dem Sowohl-als-auch. Dieses Sowohl-als-auch sorgt dann für Ebbe im Geldbeutel, doch ist das Fotografieren mit dem Mittelformat definitiv anders. Ich mache weniger Bilder. Ich arbeite mehr mit dem Stativ. Ich werde ein Stückweit durch die Kamera entschleunigt. Kann man sich diese Arbeitsweise nicht auch mit einer Vollformat- oder APS-C-Kamera aneignen? Vielleicht. Aber mehr Spass macht es definitiv mit einer Kamera wie der Fujifilm GFX.

 

Kevin bei der Salzgewinnung. Zusammen mit dem Bluehour-Bild des künstlichen Hafens von Arronmanches ist dies mein Lieblingsbild unserer Reise. Es drückt Dramatik, Dynamik, und Ästhetik aus. Aufgenommen mit Fujifilm GFX 50S, GF 4/120mm LM-OIS, 1/1250 sec, f4, 400 ISO, Bildstabilisator aktiviert. Leichte Kontraststeigerung und Schwarzweissumwandlung in Lightroom.

 

Am allerletzten Tag in der Bretagne geraten wir dann noch in die Salzfelder von Guérande. Wir lernen Kevin kennen, der uns in die Geheimnisse der Salzgewinnung einführt. Drohende Wolken ziehen auf, und er muss in Windeseile die kleinen Salzberge ins grosse Depot bringen, das er dann mit einer Plastikplane abdecken kann, bevor der Regen seine Ernte ruiniert. Bereits während dem Fotografieren weiss ich, dass diese Bilder in Schwarzweiss dargestellt werden. Ich fotografiere aber trotzdem in Farbe, weil ich die Monochrom-Umwandlung lieber nachher in Lightroom/Photoshop vornehme. Um genau den richtigen Moment zu erwischen, in dem die Salzkörner durch die Luft fliegen, arbeite ich auch hier mit dem Motor und realisiere eine grosse Anzahl von Aufnahmen. Kevins Zeit ist begrenzt, und auch wir müssen weiter. Doch die Salzfelder von Guérande sind definitiv «une place pour revenir».

 

Grenzen verschwimmen – der Versuch eines Fazits

Ich erwarte von einer Kamera, dass sie sich meiner Arbeitsweise unterordnet und nicht umgekehrt. Sie muss einfach und intuitiv zu bedienen sein und in dem Gebiet, in dem sie stark ist, hervorragende Resultate liefern. Sie soll mich inspirieren und meinen Workflow unterstützen und nicht behindern. Nach drei Wochen mit der Fujifilm GFX kann ich mit Fug und Recht sagen, dass die Kamera diese Anforderungen für mich erfüllt. Ich fühle mich durch die GFX unterstützt in meinem Prozess. Und – meine Bilder sind irgendwie anders geworden als mit den Kameras, mit denen ich bisher arbeite. Das heisst überhaupt nicht, dass die anderen Kameras schlecht wären, nein einfach anders. Wie einem Maler, dem verschiedene Pinsel und Techniken zur Verfügung stehen, können wir Fotografierende auf unterschiedliche Kamerasysteme zurückgreifen. Leider sind Kameras teurer als Pinsel – ich bin mir bewusst, dass sich nicht jeder mehrere Systeme parallel leisten kann oder will. Doch es gibt vielleicht die Möglichkeit, mal bei einem Freund eine andere Kamera auszuleihen oder eine Kamera wie die GFX für ein Wochenende zu mieten. Machen Sie das Experiment. Erfahren und erfühlen Sie, wie sich das Fotografieren mit einer spiegellosen Mittelformatkamera anfühlt.

Arbeiten Sie nachher mit den gigantischen RAW-files, die 14 Blendenstufen Dynamikumfang und eine ungeheure Detailfülle aufweisen. Gönnen Sie sich dann noch den Luxus und lassen Sie zwei oder drei Ihrer besten Fotos richtig gross printen. Das Resultat wird Sie überzeugen, und es könnte Ihnen wie mir schwerfallen, die Kamera zurückzugeben. Vielleicht landet sie ja dann doch irgendwann in Ihrer Kameratasche.

Klar ist: Fujifilm wird die GFX-Linie ausbauen. Weitere Objektive werden kommen. Gut möglich, dass mittelfristig auch ein weiterer Body mit 100 Megapixeln das System komplettiert. Damit könnte man das Potenzial der Objektive voll ausschöpfen.
Und klar ist auch: Ich werde wieder mit Mittelformat fotografieren. Nicht immer, aber immer öfter …

Peter Schäublin, Grafiker / Fotograf / Filmer
peterschaeublin.com / 720.ch

Ein grosses Dankeschön an:
• meine Frau Ursula. Ohne sie wären solche Reportagen nicht möglich.
• Walter Weber von Fujifilm Schweiz, für die super Unterstützung
• Werner Richner, ein grossartiger Fotograf, für seine Tipps (www.wernerrichner.de)
• Albert und Monika, für die spontane Einladung und die tiefen Gespräche
• Fred the Kitesurfer
• Kevin, der Salzgewinner
• Marie-Claire und Bruce, für ihre Gastfreundschaft
Sebastian Bach für den grossartigen Soundtrack zum Videoclip

Hinweis: Auf unserer Reise sind noch mehr Bilder entstanden. Unter www.peterschaeublin.com/france finden Sie eine Galerie mit einer erweiterten Auswahl von Fotos dieser Reise.

Ursula Schäublin hat einige Videosequenzen gedreht, und daraus ist ein kleiner Clip entstanden, unterlegt mit Sebastian Bachs genialer Komposition: https://vimeo.com/227895895 oder 4K auf Youtube.

 

Ein Kommentar zu “Fujifilm GFX 50S – wenn Grenzen verschwimmen”

  1. Hervorragende, bewegende Bilder, eine wunderschöne Landschaft, Fototechnik vom Feinsten. Wenn dann noch der Käse und der Rotwein gemundet haben, dann wart ihr dem Paradies doch sehr nahe.

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