Urs Tillmanns, 30. Juni 2018, 08:38 Uhr

Buchtipp: «Leonard von Matt: Frühe Fotografien»

Leonard von Matt ist kein Unbekannter. Er hat in den Fünfziger- und Sechzigerjahren mehr als 50 Bildbände zur Innerschweiz und zu den Sehenswürdigkeiten in Italien, Griechenland, Spanien und Frankreich herausgegeben und ist damit sowohl als Buchproduzent als auch als Fotograf bekannt geworden. Dennoch steht er etwas im Schatten von berühmteren Schweizer Fotografen des letzten Jahrhunderts, wie Werner Bischof, René Burri, Gotthard Schuh, Paul Senn, Hans Staub oder Emil Schulthess.

Das vorliegende Buch ist seinen frühen Werken gewidmet, die von 1936 bis 1946 entstanden sind und weitgehend unbekannt sind. Er selbst hat diese Bilder als «Minder-Waar» bezeichnet, doch gewinnen sie heute mit dem entsprechenden zeitlichen Abstand eine neue Bedeutung: Es sind Bilddokumente einer bewegten Zeit der krisenbehafteten 1930er-Jahren und des Zweiten Weltkriegs, in welchen Leonard von Matt 1240 Tage Aktivdienst leistete. In diese Zeit fällt auch eine problematische Neuorientierung in von Matt’s Privatleben, mit der heimlichen Heirat einer geschiedenen Frau und dem damit verbunden Bruch mit seiner Familie und dem Austritt aus dem Familienunternehmen.

Die Texte des Buches, vor allem der Beitrag von Brigitt Flüeler, tragen diesem Familienzwist, der Leonard von Matt zu seinem persönlichen Glück und seiner Karriere als Fotograf verhalf, mit einer hervorragend recherchierten und spannenden Biografie Rechnung. Ebenso gibt der Text von Peter von Matt einen Einblick in die persönliche Beziehung zu seinem Onkel und dessen Stellung als Fotograf in der Nidwaldner Gesellschaft. In den Beiträgen kommen auch die damaligen festgefahren sozialen Strukturen zum Ausdruck, die wir uns aus heutiger Perspektive kaum mehr vorstellen können. Weiter analysiert Sabine Münzenmaier den fotografischen Nachlass von Leonard von Matt und bezeichnet seine frühen Arbeiten als «ein einzigartiges Porträt des Kantons Nidwalden und dessen Volkskultur kurz vor dem Übergang von einer rural geprägten hin zu einer modernen Gesellschaft».

Anders als die Bilder von Matt’s in den Fünfziger- und Sechzigerjahren erschienen Bildbänden zeigen seine frühen Fotos in diesem Buch neben typischen Nidwaldner Landschaften und Bildern eines urchigen Brauchtums vor allem Personenbildnisse einer von harter Arbeit und schwierigen politischen Zeiten geprägten einheimischen Bevölkerung, durchmischt mit eindrucksvollen und zeittypischen Kinderporträts.

Originell ist auch die grafische Gestaltung des Buches, vor allem mit den reproduzierten Archivkarten mit Kontaktkopien im Vor- und Nachspann des Buches. Sie vermitteln einen Eindruck von von Matt’s Arbeitsweise, wie er die besten Bilder aus einer Reihe von Varianten aussuchte, wie er seine Bildausschnitte festlegte und wie er ordnungsliebend die wichtigsten Informationen auf den Kontaktbogen schriftlich festhielt.

Das Buch – und damit verbunden auch die derzeitige Ausstellung im Nidwaldner Museum in Stans – ist ein wichtiger Teil der Schweizer Fotogeschichte zum Schaffen eines Fotografen, dessen dokumentarisches und künstlerisches Schaffen eine bessere Bekanntheit verdient hat.

Urs Tillmanns

Die Buchbeschreibung des Verlages

Leonard von Matt war von 1950 bis Mitte der 1970er-Jahre einer der erfolgreichsten und bekanntesten Schweizer Fotografen. In seinem Frühwerk, das zwischen 1936 und 1946 entstand, befindet sich unter anderem das eindringlich-eigenwillige Porträt von Nidwalden und dessen Volkskultur.

Seine fotografische Ausbildung begann er mit 29 Jahren als Autodidakt, seine Frau Brigitte hatte ihn ermutigt, den ungewissen Weg des Fotografen zu wagen. Er lernte aus Büchern und Broschüren und verfolgte das Schaffen von Paul Senn, Jakob Tuggener, Gotthard Schuh oder Man Ray. Vom Kleinen ausgehend hat sich von Matt mit seiner fotografischen Auseinandersetzung in Nidwalden für die «grosse» Welt gewappnet. Die so entstandenen Arbeiten – er nannte sie «Trainigsaufnahmen» – sind allerdings mehr als Etuden auf seinem Weg zum Berufsfotografen. Seine Bilder aus der engeren Heimat zeugen von grossem Können, von einem einzigartigen Blick für den Alltag, und sie sind eine fesselnde Dokumentation einer längst untergegangenen Welt.

 

 

 

 

Der Inhalt

Einleitung von Patrizia Keller

«Vom Buchhändler zum Fotografen» Brigitt Flüeler

«Herkunft und Aufbruch» von Peter von Matt

«Frühe Fotografien von 1936 bis 1946» Sabine Münzenmaier

Bildlegenden, Biografien, Bibliografie

 

 

 

 

Die Autoren und Herausgeber

Brigitt Flüeler, geboren und aufgewachsen in Stans, Studium der Allgemeinen Geschichte, Europäischen Volksliteratur und Volkskunde in Zürich, Redaktorin und Redaktionsleiterin beim Schweizer Radio SRF in Zürich von 1988 bis 2015. Heute freischaffende Historikerin und Journalistin in Stans.

Jos Näpflin, geboren und aufgewachsen in Wolfenschiessen NW. Lebt als Kunstschaffender in Zürich. Für verschiedene Museen – Nationalbibliothek Bern, Kunstmuseum Bern, Nidwaldner Museum, Bruder Klaus Museum Sachseln, Glasi Hergiswil, u. a. – realisierte er Ausstellungen und Szenografien.

Patrizia Keller, geboren in Langenthai BE, aufgewachsen in Suhr AG, lebt in Zürich. Kuratorin und stellvertretende Leiterin des Nidwaldner Museums in Stans. Studium in Kunstgeschichte, Geschichte der Neuzeit und Germanistik an der Universität Zürich. Promotion mit einer Arbeit über die Forderung der bildenden Kunst in der Schweiz seit 1980. Mitglied des Aargauer Kuratoriums seit 2014, Vorsitz des Fachbereichs Bildende Kunst & Performance.

Peter von Matt, geboren 1937 in Luzern, aufgewachsen in Stans. Studium der Germanistik, Angiistik und Kunstgeschichte in Zürich. Danach arbeitete er als Gymnasiallehrer in Luzern, bevor er 1976 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich wurde. Bekanntheit erlangte Peter von Matt mit seinen Büchern über Literatur und die politische Landschaft Schweiz. Für sein Schaffen wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, unter anderem mit dem Schweizer Buchpreis 2012 und dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt 2014.

Sabine Münzenmaier, geboren in Winterthur, Studium an der Zürcher Hochschule der Künste. 2006-2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fotostiftung Schweiz, Winterthur. Aufarbeitung der fotografischen Nachlässe von Theo Frey, Martin Glaus, Gotthard Schuh, Emil Schulthess und Hans Staub. Mitarbeit bei zahlreichen Buch- und Ausstellungsprojekten zur Schweizer Fotografiegeschichte.

 

Bibliografie

Leonard von Matt – Frühe Fotografien

Herausgegeben von Brigitt Flüeler und Jos Näpflin
Mit Texten von Sabine Münzenmaier, Patrizia Keller, Peter von Matt
192 Seiten, gebunden, Fadenheftung, 87 Fotografien Duplexdruck
und 32 Archivkarten mit Kontaktabzügen vierfarbig
Limmat-Verlag, Zürich   
Preis: CHF 58.–, EUR 58.–
ISBN 978-3-85791-852-0

Das Buch kann im Buchhandel gekauft oder hier online bestellt werden.

 

Ausstellungen

16.06.2018 – 14.10.2018, Leonard von Matt – Fotografien 1936–1946, Nidwaldner Museum, Winkelriedhaus, 6370 Stans

2.7.2018 – 8.7.2018, Leonard von Matt – Fotografien 1936–1946, ParisBerlin<fotogroup, Arles F

02.09.2018 – 14.10.2018, Leonard von Matt – Fotografien 1936–1946, Talmuseum, 6390 Engelberg

18.10.2018 – 30.11.2018, Leonard von Matt – Fotografien 1936–1946, Galerie Franzkowiak, 10117 Berlin D

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