Urs Tillmanns, 10. Februar 2019, 10:00 Uhr

«Hinter dir steht ein Leopard!»

Christoph Tänzer hat vor Jahren seine gut bezahlte Manager Position gekündigt, um seiner Leidenschaft nachzugehen. Wochenlang ist er jetzt in der afrikanischen Wildnis unterwegs. Stundenlanges Ausharren im Busch. Löwen, Geparde und andere Raubtiere bis auf wenige Meter an sich heranlassen – um dann im richtigen Moment den Auslöser drücken. Für diesen Moment lebt Christoph Tänzer.

«Der Jäger» © Christoph Tänzer

«Jedes meiner Bilder erzählt eine Geschichte und zeigt den machtvollen Moment nahe des Tieres. Meine Fotografie ist ein Werkzeug, mit dem ich den Charakter und die Klarheit des Tieres zeichne». Die Fotografien sind Resultate akribischer Vorbereitung und tagelanger Beobachtungen unter schwierigen Bedingungen – nicht ohne Risiko.

Wilde Tiere kann man nicht kontrollieren. Dank Lucky, seinem Freund und Guide in Botswana, hat Christoph Tänzer viel gelernt und kann einschätzen, was das Tier als nächstes tun wird. Schon sein Name «Der Glückliche» drückt aus, dass Lucky bereits die Schattenseite der exotischen Tierwelt erlebt hat. Ende der 1990er zog ihn eines Nachts ein 3,8 Meter langes Krokodil aus dem Zelt bis in den Fluss. Er hat nur knapp überlebt.

Wir wollten mehr wissen über seine Arbeit in Afrika und haben Christoph Tänzer ein paar Fragen zu seiner Arbeitsweise aber auch zu den Gefahren gestellt, die die freie Wildbahn mit sich bringt.

«König der Könige» © Christoph Tänzer

Fotointern: Wann und wie bist Du auf den Geschmack gekommen, in Afrika Wildtiere zu fotografieren?

Christoph Tänzer: Schon meine erste Reise nach Afrika hat mich komplett verändert, aber die Begegnung mit einem der letzten Berggorillas im Hochland von Bwindi, in Uganda, hat mir wirklich den Spiegel vorgehalten und es hat mich gepackt. Der Silberrücken der Gruppe, kam auf mich zu, blieb dann kurz vor mir stehen und begann zu posen. Dieses Erlebnis war mein Schlüsselmoment. Von dem Moment an wollte ich meine Begeisterung für den Kontinent Afrika und seine Tierwelt mit meinen Bildern und Geschichten teilen.

«Herr der Fliegen» © Christoph Tänzer

Offensichtlich hast Du mit Luckys Hilfe das Verhalten der Tiere sehr genau studiert und weisst wo die Limits sind. Welche Tiere sind besonders gefährlich, bzw. am unberechenbarsten?

Grundsätzlich sind alle wilden Tiere mit sehr viel Respekt zu behandeln und man muss sich über alle ausreichend informieren. Elefanten zum Beispiel sind einfach sehr schwer bis gar nicht einzuschätzen und auch Flusspferde und Büffel sind von Natur aus extrem aggressiv. Vor Büffeln haben sogar gestandene Maasai einen ausserordentlichen Respekt. Eines meiner Bilder trägt den Titel «Der schwarze Tod», denn so nennen die Maasai diese Tiere.

«Die letzten ihrer Art» © Christoph Tänzer

Gibt es Tiere, die besonders zutraulich sind und sich regelmässig den menschlichen Siedlungen nähern?

Ich persönlich habe davon ehrlich gesagt noch nichts gehört. In der Regel ist es doch eher so, dass die Tiere durch Abfälle und Nutztiere angelockt werden, und aufgrund der Dezimierung ihres Lebensraums weiter in besiedelte Gebiete vordringen und das heizt dann eher den Mensch-Tier-Konflikt an.

«Auf dem Balkon» © Christoph Tänzer

Das Verhalten der Tiere dürfte insbesondere heikel abzuschätzen sein, wenn sie Hunger oder Junge haben. Wie kann man dies beurteilen, und wie verhält man sich dann?

Grundsätzlich gilt: Nie aktiv auf ein Tier zugehen oder fahren, egal, in welcher Situation und egal um welches Tier es sich handelt. Bei Elefanten ist es zum Beispiel wichtig, nie zwischen die Eltern und die Jungtiere zu geraten und den Tieren immer eine Fluchtmöglichkeit zu lassen. Viele Tragödien mit Elefanten entstehen dadurch, dass sich diese bedrängt fühlen und keine Fluchtmöglichkeit haben. Aber es gibt auch dort kein Patentrezept. Wilde Tiere sind wilde Tiere und ein gewisses Restrisiko besteht immer.

«Gipfelkönigin» © Christoph Tänzer

Hast Du auch schon gefährliche Situationen erlebt, und wie hast Du Dich dabei verhalten?

Ja, ich habe neben vielen absurden und lustigen Situationen, auch Momente erlebt , die nicht ganz ohne Risiko waren. Einer dieser «Das-Herz-rutscht-in-die-Hose-Momente», aber zugleich auch ein unglaublich schöner Moment, war eine Begegnung, die ich 2016 in der Kalahari in Botswana hatte: Aus irgendeinem Grund, an den ich mich nicht mehr erinnere, haben wir unser Camp aufgebaut, als es bereits dunkel war, was wir sonst immer vermeiden. Während ich am Feuer unser Abendessen gekocht habe, hat Lucky einen Teil unserer Ausrüstung im Wagen verstaut. Ich habe mit dem Rücken zu einer Anhöhe gesessen und hatte bereits ein merkwürdiges Gefühl. Auf einmal sagt Lucky: «Chris, hinter dir steht eine Katze». Ich habe mich langsam umgedreht und sah eine Leopardin, etwa zehn Meter von mir entfernt, auf der Anhöhe stehen. Das Tier hat uns beobachtet und man konnte förmlich sehen, dass es eine Entscheidung trifft – flüchten oder ein Risiko eingehen. Wir haben uns so wenig wie möglich bewegt und die Katze ist nach einigem Zögern in einem Abstand von etwa zehn Metern um uns und das Camp herumgelaufen. Sie blieb kurz stehen, schaute zurück und verschwand in der Dunkelheit. Wir haben uns den Rest des Abends gefreut wie kleine Kinder. Es ist einfach fantastisch, so etwas mitzuerleben.

«Hüter der Mara» © Christoph Tänzer

Welches ist die ideale Fotoausrüstung, um solche Wildtieraufnahmen machen zu können?

Ich reise teilweise mit 80 Kilogramm Equipment nach Afrika. Insgesamt sind darunter mehrere Kameras, meist von Canon und eine Reihe unterschiedlichster Objektive. Gute Teleobjektive sind wichtig, da wir nicht überall hingelangen können. Teilweise darf man nämlich ohne Sondergenehmigungen (die nicht immer einfach zu bekommen sind) auch gar nicht tief in das Gelände fahren. 

Für mich ist die Geschichte hinter dem Bild extrem wichtig, der Moment den ich erlebe. Ich muss sehr schnell und beweglich sein bei den Tieren. Um das perfekte Ergebnis zu bekommen, muss ich also alle Möglichkeiten ausnutzen, die mir zur Verfügung stehen. Wichtig ist auch, dass das Equipment robust ist. Es muss, so gut es geht, hitze-, kälte- und feuchtigkeitsunempfindlich sein, aber auch staub- und stossfest.

«Das Spiel» © Christoph Tänzer

Bei den Fine Art Fotografien von Christoph Tänzer handelt es sich um limitierte Serien und Einzelstücke. Die Kunden, die seine Bilder kaufen, verstehen den Wert und kennen den Aufwand hinter jedem einzelnem Bild. «Mir hat ein Kunde gesagt, dass jedes Mal, wenn er eine wichtige Entscheidung zu treffen hat, er eines meiner Bilder anschaut. Er kennt die Geschichte dahinter und die Nähe zu dem Leoparden auf der Aufnahme ist das, was ihn bewegt und fasziniert.» Jedes Mal wenn Christoph Tänzer nach Afrika reist, verfolgt er eine konkrete Idee. Bei seinem nächsten Projekt will er sich aussterbende Arten vornehmen, eine Herausforderung, auf deren Ergebnis man schon gespannt sein darf.

«Mitreisende» © Christoph Tänzer

 

Über Christoph Tänzer

Christoph Tänzer wohnt mit seiner aus Sambia stammenden Frau in St. Gallen. 2014 entschloss sich der Wahlschweizer seinen Beruf als Creative Director aufzugeben und sich voll und ganz der Fotografie zu widmen. Seine Fine Art Fotografien zeigen afrikanische Wildtiere aus nächster Nähe. Bei seiner letzten Afrika Reise 2017 fokussierte sich der African Wildlife Fotograf auf Raubkatzen. Auch mit seinem nächsten Projekt aussterbender Arten will Christoph Tänzer ein Bewusstsein für die Tiere Afrikas schaffen und die Menschen durch seine Fotografien den machtvollen Moment nahe der Tiere spüren lassen.
Mehr Infos unter www.christophtaenzer.com

4 Kommentare zu “«Hinter dir steht ein Leopard!»”

  1. Tolle Bilder von einem tollen Fotografen!

    Was mich in Westafrika am Equipment nervte, war, dass die meisten Body nur in „profischwarz“ produziert werden. Dies Farbe absorbiert viel Sonnene-Energie, sodass Kameras kaum mehr anzufassen sind.
    Vergessen wird, dass Bildwandler ihre guten Rauschverhalten nur bei niedrigen Temperaturen zeigen. Bei längerer Sonnen-Einstrahlungen rauschen sie mehr als die Testberichte angeben.
    Kameras wahlweise in silberfarben oder einem Rot, welches Wärme reflektiert, würde viel helfen. Objektive in hellem Grau gibt es, aber da, wo es kritisch ist, wird fast nur schwarz angeboten.
    Die Ausrede, helle Kameras seien zu auffällig, ist unlogisch, da man zwar die Frontlinse sieht, die auf einen gerichtet ist, aber der Body verschwindet dahinter und das Gesicht des Fotografen dominiert viel stärker.

  2. Bei allem Respekt: wie viele Fotografen wollen noch mit 80 kg Ausrüstung den ohnehin bedrängten afrikanischen Wildtieren auf die Pelle rücken? Naturschützerischer und fotokünstlerischer Mehrwert gleich Null. Yarrows Fine Art Löwenhype ist ja preislich eh nicht mehr zu toppen, allen pekuniären Ambitionen zum Trotz.

  3. Ein toller Bericht und die Fotos gefallen wirklich.

    Was @BJW schrieb, hab‘ ich mich auch schon oft gefragt. Denn es ist tatsächlich unlogisch, wegen der Hitzentwicklung lediglich helle Objektive, nicht aber helle Kameras anzubieten.
    Hersteller würden diebezüglich vlt damit argumentieren, dass die Temperatur eines Gegenstands‘ ja nicht geringer sein kann, als die der Umgebung, geringe Nachfrage usw.

    Zu den „80kg Ausrüstung“ : ich habe noch nie so eine Fotoreise unternommen, kann mir aber gut vorstellen, dass man hohe Gewichte bei entsprechenden Anforderung schnell mal erreicht. Manches wird doppelt und dreifach (zB Akkus) mitgenommen, ein haufen Zubehör, was an Gewicht gerne mal unterschätzt wird. Angefangen beim sehr stabilen Stativ etc.

  4. @philippe:
    Es gab zwar wenige Hersteller, die rote oder silberne Bodys anboten, aber nur mit der Eleganz argumentierten. Wichtiger wäre die Temperatur auch schon im Sommer von Mitteleuropa. Wenige wie z.B. Olympus bieten weit nach der Einführung neuer Kameras diese zusätzlich in silberfarben an. Da haben die Profis jedoch schon lange vorher das schwarze Grundmodell gekauft.
    Ich habe versuchsweise eine Sony in einen roten Kunststoff-Ueberzug aus China gesteckt und bin überrascht, dass die Temperatur rund 20 °C niedriger liegt als bei meinem Ersatzmodell ohne rote Hülle. Leider gibt es sowas nicht für Kameras mit Hochformatgriffen.

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