Urs Tillmanns, 24. März 2019, 11:12 Uhr

Conquistador – auf den Spuren eines Schweizer Fotografen in der Neuen Welt

«Conquistador» erzählt die Geschichte des Freiburger Fotografen Louis de Boccard, der 1889 nach Südamerika auswanderte und diejenige seines Berufskollegen Nicolas Savary, der 2014 seinen noch auffindbaren Spuren nachging. Auslöser war der Zufallsfund von Fotoalben, handschriftlichen Briefen und anderen Dokumenten in einem längst vergessenen Koffer, welcher die Begeisterung von Nicolas Savary weckte. Die Ausstellung zeigt einerseits die seltenen Fotos aus der Entdeckerzeit von Louis de Boccard und anderseits die heutigen Impressionen von Nicolas Savary,

Louis de Boccard (1866-1956), Englisches Segelschiff auf offener See, 9. Februar 1893, Albuminprint. Grosses blaues Album, Fonds Louis de Boccard

 

Ein längst vergessener Koffer …

Die Geschichte beginnt mit einem Koffer, der 2010 beim Verkauf einer Villa in Villars-­sur­-Glâne unerwartet zum Vorschein kam. Darin befanden sich die Erinnerungsstücke an Louis de Boccard, der 1889 nach Südamerika ausgewandert war und jahrzehntelang mit seiner Familie in der Schweiz den Kontakt pflegte. Die Briefe, Fotografien, Postkarten, Briefmarken, Zeitungsausschnitte, Bildersammlungen, Expeditionsalben und Empfangsscheine sind ein einzigartiges Zeugnis von de Boccards Reisen, Expeditionen, Interessen, Beschäftigungen und Freunden, doch zugleich auch vom Leben in Argentinien und anderen südamerikanischen Länder zwischen 1890 und 1950.

Samuel Rimathé (1862 ~1941), Schiffe in der Mündung des Rio de la Plata, Albuminprint, um 1890. Grosses blaues Album, Fonds Louis de Boccard

Diese einmaligen Dokumente weckten das Interesse von Nicolas Savary, der 2014 ein eigenes fotografisches Projekt in Buenos Aires und Paraguay verfolgte und dabei den Spuren von Louis de Boccard nachging. Dies gelingt nicht lückenlos, denn viele Zeitabschnitte von Boccards Lebens bleiben im Dunkeln. Vielleicht können sie eines Tages von Forschern aufgeklärt werden, die sich anhand der Dokumente, die sich im Besitz der Familie oder in öffentlichen und privaten Sammlungen in der Schweiz und in Paraguay befinden, weiter mit der spannenden Aktivitäten von Louis de Boccard auseinandersetzen.

Samuel Rimathé, Hafen von Buenos Aires, La Boca, Albuminprint um 1891. Grosses blaues Album, Fonds Louis de Boccard

 

Ein Freiburger will auswandern

Louis de Boccard wird 1866 als ältester Sohn von vier Kindern einer Freiburger Patrizierfamilie geboren und verbringt seine Schulzeit in Pensionaten in Frankreich und Österreich. Nach seinem Militärdienst arbeitet er auf der Domäne Le Marais in Sugiez, die später Bellechasse genannt wird. In seiner Jugendzeit hatte er Mühe seinen Weg zu finden, denkt ans Auswandern nach Australien, bis sich ihm die Gelegenheit bietet, mit einer Gruppe von Freiburgern nach Südamerika zu reisen. Für den jungen Mann mit seiner seiner Lust andere Kulturen kennenzulernen, ist es die Gunst der Stunde, die seiner Vorliebe für Abenteuer, Natur und Jagd entspricht. Am 17. April 1889 verlässt er Freiburg und schliesst sich in Genf einer Gruppe von dreissig künftigen Siedlern an. Mit dreissig Kühen und drei Stieren gehen sie in Marseille an Bord eines Schiffes und kommen am 20. Mai in Buenos Aires an.

Samuel Rimathé, Mann auf einem Pferd, Strassenszene um 1890 in der Umgebung von Buenos Aires. Aluminprint. Grosses blaues Album, Fonds Louis de Boccard

Nach seiner Ankunft in Argentinien beginnt er einen Briefwechsel mit seinen Eltern Alphonse und Henriette de Boccard sowie seiner Schwester «Nini» Antoinette de Weck, zu denen später sein Grossneffe Régis de Courten hinzukommt. Seine Briefe sind sorgfältig nummeriert, eine Notiz auf dem Umschlag nennt den Inhalt sowie das Aufgabe­ und das Empfangsdatum. In den Briefen erkundigt sich Louis nach dem Wohlergehen und den Geschäften der Familie, er schildert die politische Lage, die Alltagsbegebenheiten, seine Expeditionen, seine Beziehungen und den Alltag Südamerika. Ein besonderes Ereignis ist jeweils ein Besuch aus Europa, zum Beispiel von seinem Vetter Raymond de Boccard, seinem Neffen Emmanuel de Saugy oder von seinem Vetter Henri de Chollet, die eine Zeitlang in Lateinamerika leben.

«Der Forscher Louis de Boccard bei einem Indianerstamm in Caingas (Haut-Parana)», Postkarte um 1900, verschickt 1931. Fonds Louis de Boccard.

Louis de Boccard pflegt einen engem Kontakt zu seiner Familie, auf deren Unterstützung er trotz der Entfernung immer zählen kann. Sein Vater verkauft die Domäne Bellechasse, um ihm den Erwerb seines Landguts in Gualeguay zu ermöglichen, und gewährt ihm Vorschüsse auf das Erbe. Die weitere Verwandtschaft mobilisiert ihre Netzwerke, um seine Projekte und Unternehmungen in weiter Ferne zu erleichtern. Nach dem Tod seiner Frau Inès im Jahr 1902 kehrt der Auswanderer mit seinen Kindern in die Schweiz zurück, nicht zuletzt, um seinen Kindern Alfonso (Alphonse), geboren 1893, und Mirelia (Mireille), geboren 1895, eine bessere Ausbildung in Pensionaten der Schweiz und in Europa zu ermöglichen. Louis de Boccard stirbt 1956, nur eine Woche vor seinem 90. Geburtstag auf seinem Anwesen bei Areguá (Paraguay).

Expedition von Louis de Boccard zu den Iguazu-Fällen. Postkarte um 1900. Fonds Louis de Boccard.

 

Das grosse blaue Album

Das grosse blaue Album von Louis de Boccard. Die aufgeschlagene Seite zeigt das Hafenquartier La Boca von Buenos Aires um 1890, aufgenommen von Samuel Rimathé, Fonds Louis de Boccard.

Das bedeutendste Dokument des Fonds Louis de Boccard ist ein 72 x 50 cm grosses gebundenes Album mit 264 Fotografien von Buenos Aires und aus dem argentinischen Landesinneren. Der Urheber der meisten dieser Bilder ist der Bündner Samuel Rimathé. Mit der Neva, einem unter englischer Flagge fahrenden Schiff, das in Southampton abgelegt hatte, kam er ein paar Monate vor Louis de Boccard am 31. August 1888 in Buenos Aires an. Wie er den argentinischen Behörden erklärt ist er Schweizer, ledig, 25 Jahre alt, von protestantischer Konfession und Künstler­-Fotograf von Beruf. Von 1888 bis 1897 betreibt er ein Fotoatelier an der Calle de Libertad 151. Die Fotografien des grossen blauen Albums datieren von 1888 und 1889, seinen Anfangsjahren in Argentinien. Es handelt sich um Albuminabzüge, die Louis selber gesammelt und eingeklebt hat. Wir wissen nicht, ob sich die beiden Männer kannten, doch ist das zu vermuten, da sie in den gleichen Kreisen in Buenos Aires verkehrten.

Samuel Rimathé, Schweizer Turnverein in Buenos Aires um 1890. Albuminprint. Grosses blaues Album, Fonds Louis de Boccard

Das Album wurde vor zwei Jahren umfassend restauriert und konserviert. Die Grösse der Seiten und die schlechte Papierqualität machten das Umblättern zu einer heiklen Angelegenheit, welche die Fotografien gefährdete. Letztere wurden sorgfältig entfernt. Dabei entdeckte man handschriftliche Notizen auf der Rückseite zahlreicher Abzüge, die wertvolle Informationen enthalten. Die Ausstellung präsentiert 82 Fotografien aus dem grossen blauen Album, die gerahmt wurden, sowie eine Reproduktion des Werkes, in der die Besucher blättern können.

Album der Expeditionen von Louis de Boccard organisiert für G. Montt und O. Fialho im Jahre 1924. Fonds Louis de Boccard.

 

Louis de Boccard (1866–1956): ein Freiburger Forscher in Südamerika

«Ich wollte etwas von der Welt sehen und die Fauna, vor allem die Vögel, der anderen Kontinente kennen lernen». —Louis de Boccard

Louis de Boccard nutzt 1889 im Alter von 23 Jahren die Gelegenheit, sich in Argentinien niederzulassen, indem er sich einer Gruppe freiburgischer Auswanderer anschliesst, die Vieh in die Schweizer Kolonie Bragado 1 bringt; dort planen sie, Käse nach Art des Gruyère herzustellen. Seine Talente als Naturforscher öffnen ihm offensichtlich die Türen des berühmten Museums von La Plata, für das er Expeditionen durchführt. Von nun an unternimmt und koordiniert Louis de Boccard Expeditionen wissenschaftlicher, touristischer oder politischer Art in Lateinamerika (siehe Karte). Als Fotograf stellt er Alben zusammen, in die er auch seine Expeditionsberichte aufnimmt. Er heiratet und ist Vater zweier Kinder, Mirelia und Alfonso. In den 1920er ­Jahren lässt er sich in Paraguay nieder und setzt die intensive Sammeltätigkeit fort, die er zeitlebens betrieben hat. 1956 stirbt er eine Woche vor seinem 90. Geburtstag auf seinem Anwesen bei Areguá 6.

(Textgrundlage: Musée gruérien, Bulle)

Die Ausstellung ist noch bis 21. April 2019 zu sehen im

Musée gruérien
Rue de la Condémine 25
CH-1630 Bulle
Tel. 026 916 10 10

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