Urs Tillmanns, 28. Juli 2019, 10:00 Uhr

Linsenshow19 – das Prättigau im Bilderrausch

Begonnen hatte alles damit, dass die «Wildmannli Tafel uf Tafaas» Davos, die soziale und kulturelle Anliegen unterstützt, nach einer Touristenattraktion für die Sommermonate suchte. Hedi Senteler und Patrik Wagner schlugen ein Fotofestival vor, das mit mehreren Ausstellungen das Prättigau, von Landquart bis nach Davos mit Fotos schmücken soll. Aus dieser Grundidee ist die Biennale für Fotografie «Linsenshow» entstanden, die seit dem 15. Juni in mehreren Etappen eröffnet wurde und nun noch bis 30. September 2019 dauert.

Die Linsenshow soll vor allem das Schaffen lokaler oder regional tätiger Fotografen ins Bewusstsein der Bevölkerung und der Touristen rücken und sowohl historische als auch zeitgenössische Werke präsentieren. Dazu wurden ebenso aussergewöhnliche wie originelle Ausstellungsorte ausgewählt, die sich von Grüsch im Eingang des Prättigaus bis nach Davos-Frauenkirch erstrecken – und oft nicht ganz einfach zu finden sind. Sie sind bewusst etwas abseits der Touristenroute gewählt, um den Passanten und Besucher den Charm der Region und die schmucken Dörfer entlang der Umfahrungsstrassen etwas näher zu bringen.

 

 

(1) Domenic Mischol aus Schiers

Den Anfang macht ein historisches Thema, nämlich ein Einblick in das Schaffen von Domenic Mischol (1873-1934), der während Jahrzehnten als alleiniger Fotograf der Region in Schiers tätig war und einen ansehnlichen Kunstdruck- und Postkartenverlag führte. Hauptberuflich anfänglich als Turnlehrer tätig fotografierte er Land und Leute und pflegte vor allem die Technik des Bromöldrucks, von denen einige besonders gelungene Exemplare als Leihgaben der Schweizer Fotostiftung in Winterthur zu sehen sind. Weiter sind eine Anzahl seltener Postkarten von Domenic Mischol aus einem Privatbesitz zu sehen. Die Bilder werden in der Patrizierstube, Kulturhaus Rosengarten, 7214 Grüsch präsentiert.
Ortsbeschreibung: gut erreichbar, im oberen Dorfteil, Parkplätze vorhanden. Öffnungszeiten: Sa/So 16-19 Uhr / Mo 14-17 Uhr

 

(2) Giger Brüder, Seewis & Malans

Gleichenorts sind auch die Standbilder des Films «Schächer» von Flurin Giger (Regisseur & Drehbuchautor) und Silvan Giger (Kameramann & Fotograf) ausgestellt, welcher die Jury der Sektion «Semaine de la critique» des Filmfestivals Cannes überzeugt hatte und dort im Mai 2018 seine Uraufführung feierte. Im Film verarbeiten die Gebrüder den Tod ihrer Grosseltern mit sehr bewegenden und spannend gedrehten Szenen. Der Film, ebenso wie ihr Erstlingswerk «Ruah», wurde im Prättigau gedreht. Beide Filme können bis 30. September im Kulturhaus Rosengarten, Grüsch, jeweils Samstag/Sonntag und montags während den Öffnungszeiten visioniert werden.
Ortsbeschreibung: gut erreichbar, im oberen Dorfteil, Parkplätze vorhanden. Öffnungszeiten: Sa/So 16-19 Uhr / Mo 14-17 Uhr

 

(3) Lisa Gensetter, Davos

Bilder der Fotografin Lisa Gensetter (1925-2007) sind durch das ganze Prättigau hinauf in Grüsch, Jenaz, Fideris, Küblis-Bahnhof, Luzein und Saas bis 30. September an verschiedenen Dorfbrunnen an Plakatständern zu finden – allerdings nicht immer einfach. Sie zeigen Landschaften und Szenen aus dem Bündnerland der Fünfziger- bis Achtzigerjahre und sind ein wichtiger Beitrag zum Bildergedächtnis des Prättigaus. Neben den Aussenausstellungen ist die Hauptausstellung von Lisa Gensetter auf der Veranda und im Eingangsbereich des Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos zu sehen.
Ortsbeschreibung: Die verschiedenen Brunnen in Grüsch, Jenaz, Fideris, Küblis-Bahnhof, Luzein und in Saas sind zum Teil schwer zu finden.

 

(4) Vrena Mathis-Schwarz, Klosters & Chur

Etwa 60 Meter abseits von Kantonsstrasse und Bahnlinie zwischen Fideris-Au und Küblis ist das Riesenleporello «Spuren der Zeit – zwischen den Tunnels» zu entdecken, welches unergründliche Flächen und Strukturen darstellen. Die Werke der Fotobildnerin Vrena Mathis-Schwarz sind im Spannungsfeld zwischen Fotografie und Malerei zu sehen. Es sind unbedeutende Details von Fundstücken, wie verrostete Eisenfässer, Container, Baumaschinen und Alteisen, die im Grossformat mit grafisch beeindruckenden Strukturen und Farbflächen auffallen. Schade, dass die originellen Bilder wegen behördlichen Vorgaben keinen besser zugänglichen und wirkungsvolleren Platz gefunden haben.
Ortsbeschreibung: Das Riesenleporello ist ca 60 Meter von der Kantonsstrasse N28 und der Bahnlinie entfernt zu sehen und über einen Fussweg (ca 10 Minuten) vom Bahnhof Fideris aus in Richtung Küblis erreichbar.

 

(5) Kaspar Thalmann, St. Antönien & Uster

Unmittelbar bei der Ortseinfahrt von Küblis-Dalvazza fallen an der Fassade des Betonwerks Vetsch fünf Riesenbilder auf. Sie zeigen grafisch interessante Strukturen der grössten Lawinenverbauungen der Alpen, die sich oberhalb von St. Antönien befinden. Die Bilder symbolisieren die Solidarität der Schweizer Bevölkerung mit einem kleinen lawinenbedrohten Bergdorf, um künftige Katastrophen zu verhindern. Sein mit diesem fotografischen Thema gestaltetes Buch «Oder das Tal aufgeben», welches 2015 im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen ist, wurde mehrfach ausgezeichnet.
Ortsbeschreibung: Die Riesenprints fallen an der Fassade des Betonwerk Vetsch bei der Ortseinfahrt von Küblis-Dalvazza deutlich auf.

 

(6) Monika Flütsch und Projektil

Ein einziger Scherenschnitt von Monika Flütsch bildet die Grundlage der sehenswerten Videoprojektion, aus dem das Künstlerkollektiv Projektil eine spannende Animation gestaltet hat. Thematische Grundlage ist die Bündner Sage «Madrisa», welche die Scherenschnittkünstlerin aus St. Antönien in ein grossartiges Kunstwerk umgesetzt hat. Die Projektion erfolgt noch bis 31. August 2019 täglich beim Eindunkeln während einer Stunde an die Fassade Museum Nutli Hüschi in Klosters.
Ortsbeschreibung: Das Museum «Nutli Hüschi» ist in Klosters-Serneus ausgeschildert und gut erreichbar.

 

(3) Lisa Gesetter, Davos

Die Landschafts- und Szenenbilder von Lisa Gensetter (1925-2007) sind bei den Dorfbrunnen in Grüsch, Jenaz, Fideris, Küblis-Bahnhof, Luzein und Saas zu sehen, aber auch als Hauptausstellung im Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos. Lisa Gensetter war nicht nur Fotografin, sondern auch eine erfahrene Alpinistin und kam so zu ungewohnten Ansichten der Bündner Landschaften. Sie publizierte viele ihrer Bilder in der «Terra Grischuna» sowie im «Das Gelbe Heft» und gab Postkarten im Eigenverlag heraus. Die Bilder von Lisa Gensetter auf der Veranda des Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos zeigen vor allem Städtebilder und Szenen aus Davos, an die sich viele Touristen noch erinnern mögen.
Ortsbeschreibung: Die Hauptausstellung auf der Veranda des Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos ist sehr gut erreichbar.

 

(7) Joël Tettamanti

 

Joël Tettamanti hat Davos für seinen Fotoessay, der 2009 bei Scheidegger & Spiess als Buch erschienen ist, mit anderen Augen fotografiert, fernab von den Klischeevorstellungen. Er zeigt die Region von Davos mit menschenleeren Landschaften, verkehrslosen Kreuzungen und Lawinenverbauungen, welche die Stadt in den Bergen schützen – er will die Landschaft mit den Spuren dokumentieren, welchen die Menschen hinterlassen. Tettamanti fotografiert mit einer Grossformatkamera auf Farbnegativfilm, den er danach digitalisiert und die Bilder bearbeitet.
Ortsbeschreibung: Vom Parkplatz beim Davoser See ca 15 Minuten zu Fuss zum Strandbad.

 

(8) Stefan Indlekofer

Noch bis vor vier Jahren war Stefan Indlekofer als gefragter Fotograf in den Modemetropolen Paris, London und Mailand zu Hause. Dann kam der Bruch mit den perfekten Looks von Models und den exklusiven Locations. Die Strasse interessierte ihn und die Art und Weise wie sich die Leute kleideten und sich darauf bewegten. Mit seinem Projekt «Roadphotography» konzentriert er sich auf das Alltägliche, auf flüchtige Momente, die er mit seiner Kamera blitzschnell, oft aus dem fahrenden Auto heraus, erfasst. Nicht die technische Qualität des Bildes ist wichtig – was zählt ist nur der bildgewordene Moment.
Ortsbeschreibung: gut erreichbar, beim Eingangsbereich «Park» des Kongresshauses Davos.

 

(9) Reiner Roduner

Der Filmemacher Reiner Roduner konzentriert sich in den letzten Jahren immer stärker auf die Schwarzweissfotografie und pflegt diese nach dem Vorbild von Ansel Adams. So zeigen auch die in der Station der Schatzalp-Bahn ausgestellten Landschaftsbilder aus der Umgebung von Davos eine perfekte Schwarzweissqualität mit einem grossartigen Detailreichtum. Das Thema, welches den Aufnahmen zugrunde liegt, ist die zur Diskussion stehende Brücke «Zaubersteg Schiatobel» welche die Station Parsenn-Höhenweg und die Schatzalp miteinander verbinden soll.
Ortsbeschreibung: gut erreichbar, in der Talstation Schatzalp-Bahn Davos.

 

(10) Christian Höhn

Der aus Nürnberg stammende Fotograf ist bekannt dafür, dass er die Millionenstädte auf der ganzen Welt in perfekter Schärfe und Lichtsituation aus dem Hubschrauber fotografiert und sie so in ungewohnter Weise zeigt. Erstmals hat er sich nun einer Bergstadt zugewandt und seinen perfekten fotografischen Stil in Davos und der Umgebung angewandt. Sein wichtigstes Bild, das Hauptvisual der Linsenshow, welches Davos beim Eindunkeln zeigt (siehe auch unser Einstiegsbild), ist im Eingang des Steigenberger Grandhotels Belvédère Davos zu sehen.
Ortsbeschreibung: gut erreichbar, in der RhB-Unterführung zur Jakobshorn-Bahn in Davos Platz.

 

(11) Marc Forster

Marc Forster ist in Los Angeles Produzent und Regisseur vieler Film, so auch des Psychothrillers «All I See Is You», in welchem er als Drehbuchautor seiner Fantasie freien Lauf liess und die Lebensgeschichte der erblindeten Gina (Blake Lively) verfilmte. Für die Linsenshow wählte Forster 19 Standbilder aus, die in der Reithalle von Davos-Frauenkirch erstmals der Öffentlichkeit gezeigt werden.
Ortsbeschreibung: gut erreichbar in der Reithalle Davos, beim Eingang des Ortsteils Davos-Frauenkirch links abbiegen.

 

(12) Ernst Ludwig Kirchner

Der deutsche Expressionist Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) lebte ab 1917 in Davos, das seinem Lebenswerk ein bedeutendes Museum widmete (siehe auch Fotointern «Ernst Ludwig Kirchner und sein fotografisches Werk»). Kirchner hat leidenschaftlich experimentell fotografiert und viele seiner Gemälde und Skulpturen sind nach Fotografien entstanden. Er hat in Davos, auf der Staffelalp und zuletzt auf dem Wildboden gearbeitet, wo jetzt auch seine Ausstellung im Freien zu sehen ist. Interessant sind die Gegenüberstellungen der Originalfotos mit den gemalten Interpretationen Kirchners. Die Ausstellung ist mit der Unterstützung und Kuration des Kirchner Museum realisiert worden.
Ortsbeschreibung: schwierig zu finden. Vom Ortsteil Islen vor Davos-Frauenkirch zum Waldfriedhof weiterfahren und dort parkieren. Danach Fussweg (nach 50m vor Stall rechts) ca 10 Minuten zum Wildboden.

 

Unser Fazit

Die «Linsenshow» ist eine bewundernswerte Initiative und eine sehr gelungene Realisation, um die Fotografie der Region und in der Region zu fördern – nicht zuletzt, um damit in den Sommermonaten das Prättigau und vor allem Davos um eine Attraktion reicher zu machen. Sie ist als Biennale konzipiert und dürfte damit wieder 2021 stattfinden. «Allerdings war es sehr schwierig genügend Sponsoren für das recht aufwändige Projekt zu finden. Wir hoffen, dass dies in zwei Jahren leichter sein wird, nachdem wir nun doch einen Leistungsbeweis vorlegen können», sagte die Initiantin Hedi Senteler gegenüber Fotointern.

Das Prättigau, wie das gesamte Bündnerland, ist als wichtiger Touristikort eine Region, in der die Fotografie immer eine bedeutende Rolle gespielt hat. Aufgrund der landschaftlichen Einzigartigkeit hat die Region von jeher viele Fotografen und andere Künstler zu ihren Werken inspiriert, was nun in diesem Festival alle zwei Jahre zum Ausdruck gebracht werden soll. Fotointern wünscht dem Festival weiterhin gutes Gelingen.

Text und Situationsbilder: Urs Tillmanns

Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite www.linsenshow.ch

Die Situationsbilder wurden mit einer Leica V-Lux 5 aufgenommen.

Herzlichen Dank dem Hotel Vereina in Klosters für die grosszügige Unterstützung zur Realisierung dieses Artikels.

 
 

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