Urs Tillmanns, 26. März 2023, 12:49 Uhr

Im Fotomuseum Winterthur: VALIE EXPORT – Die Fotografien

Im Fotomuseum Winterthur ist noch bis 29. Mai 2023 die Einzelausstellung über die Fotografien von VALIE EXPORT zu sehen. Die österreichische Performance-Künstlerin hat sich mit ihren feministisch-provokativen Fotos, Installationen und Videos einen international anerkannten Namen geschaffen.

Die Ausstellung «VALIE EXPORT – Die Fotografien» stellt erstmals das fotografische Oeuvre der Künstlerin VALIE EXPORT, die auf der Grossschreibung ihres Namens als ihr Markenzeichen besteht und insbesondere mit ihren teils provozierenden Performances und experimentellen Installationen für Aufsehen sorgte, in den Mittelpunkt. Dabei wird unter anderem EXPORTs Einsatz von Fotografie als kritische Auseinandersetzung mit Abbildungs- und Repräsentationsprozessen untersucht. An der Schnittstelle von Film, Videokunst, Zeichnung und Body-Art erlauben die gezeigten Fotografien eine neue Perspektive auf das Schaffen von EXPORT.

 

Das Fotomuseum Winterthur zeigt einen repräsentativen Querschnitt durch das fotografische Schaffen der Performance-Künstlerin VALIE EXPORT (Foto: © Urs Tillmanns / Fotointern.ch)

Das multimediale Werk VALIE EXPORTs entzieht sich vereinfachenden Kategorisierungen und Festschreibungen. Als Pionierin der Performance-, Installations- und Videokunst durchbricht die Künstlerin seit jeher die Grenzen zwischen medialen Genres und setzt auch ihren eigenen Körper als künstlerisches Medium ein. Die Fotografie spielt in ihrer Praxis von Anbeginn eine zentrale Rolle – ob zu dokumentarischen Zwecken, als Experiment, als Bestandteil multimedialer Installationen oder als eigenständiges Werk.

 

VALIE EXPORT, «Anfügung, 1976», Albertina, Wien, Familiensammlung Haselsteiner © VALIE EXPORT, 2022, ProLitteris, Zurich

EXPORT war sich der Bedeutung der visuellen Aufzeichnung ihrer Performances stets bewusst. Bereits 1968, bei zwei ihrer bekanntesten Performances, dem «Tapp» und «Tastkino» und der Aktion «Aus der Mappe der Hundigkeit» waren Fotograf/innen (und Filmemacher/innen) zugegen. Für die Performance «Tapp» und «Tastkino» wurden Zuschauer und Passanten über ein Megafon aufgefordert, EXPORTs Brüste zu berühren, die von einem als Kinosaal dienenden Kasten mit Vorhang, den die Künstlerin wie ein Kleidungsstück trug, verdeckt waren. Die Teilnehmenden mussten beim Akt der Berührung mit EXPORT für eine genau definierte Zeitdauer Augenkontakt halten, wodurch die Künstlerin den für das Kino typischen Voyeurismus des männlichen Blicks umkehrte. Für «Aus der Mappe der Hundigkeit» führte EXPORT den auf allen Vieren kriechenden Künstler Peter Weibel an einer Hundeleine durch die Innenstadt Wiens, wodurch sie auf provokante Art und Weise durch deren Umkehrung auf vorherrschende Geschlechterverhältnisse und Machtdynamiken aufmerksam machte.

 

VALIE EXPORT, Aus der Mappe der Hundigkeit, in Kooperation mit Peter Weibel, 1968, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac und die Künstlerin © VALIE EXPORT, 2022, ProLitteris, Zurich, Foto: Joseph Tandl

Die Fotografie diente nicht bloss der Aufzeichnung von EXPORTs Aktionen. Viel eher traten Aktion und Fotografie in einen Dialog und somit eine wechselseitige Abhängigkeit; einerseits wurden mithilfe der Fotografie Aktionen festgehalten (und schliesslich auch vermittelt), andererseits erreichten EXPORTs Aktionsfotos durch ihre Produktion, Publikation und Rezeption – insbesondere von Schlüsselmomenten wie der Interaktion und dem Blickaustausch zwischen Künstlerin und Teilnehmenden beim «Tapp» und «Tastkino» – einen von den Performances unabhängigen Status.

 

VALIE EXPORT, «Verletzungen I, 1972», Albertina, Wien, The ESSL Collection © VALIE EXPORT, 2022, ProLitteris, Zurich, Foto: Hermann Hendrich

EXPORT widmete sich schon zu Beginn ihrer Karriere der kritischen Untersuchung von Abbildungsmechanismen: Sie verhandelte die unterschiedlichen Charakteristika des fotografischen Bilds und bildgebender Medien, hinterfragte deren Funktionsweisen und unterzog die Fotografie einer konzeptuellen Analyse, indem sie die Bedingungen technischer Abbildungsprozesse offenlegte. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Dekonstruktion des fotografischen Blicks und seiner implizierten Machtstrukturen.

 

VALIE EXPORT, «Asemie – die Unfähigkeit sich durch Mienenspiel ausdrücken zu können, 1973», Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac und die Künstlerin © VALIE EXPORT, 2022, ProLitteris, Zurich, Foto: Alfred Damm

Die kritische Analyse von Repräsentationssystemen ging für EXPORT unweigerlich mit der Darstellung des weiblich gelesenen Körpers einher. Unter Bezugnahme auf den eigenen Körper hat sie die Rolle der Frau, der Künstlerin und des Subjekts innerhalb von patriarchalen gesellschaftspolitischen Strukturen immer wieder untersucht. Im Jahr 1970 liess sich EXPORT für «Body Sign Action» beispielswiese ein Strumpfband auf den Oberschenkel tätowieren, um den Status der Frau als Sexualobjekt und Projektionsfläche männlicher Fantasien sichtbar zu machen. Das Werk bringt zum Ausdruck, wie sich patriarchale Normen dem weiblich gelesenen Körper – buchstäblich – auf schmerzhafte Weise einschreiben. Auch mit ihrer Werkgruppe der «Körperkonfigurationen» (1972–1982) untersucht EXPORT über Körperhaltungen die Beziehungen zwischen Subjekt und machtpolitischen Strukturen. Sie formuliert ihre Kritik an Abbildungs- und Repräsentationsprozessen explizit als feministische Kritik: Im Zentrum ihres Werks steht das Verhältnis von Subjekt und Raum, Körper und Blick, Weiblichkeit und Repräsentation.

 

VALIE EXPORT, «Aus dem geometrischen Skizzenbuch der Natur, Baumdreieck, 1973», Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac und die Künstlerin © VALIE EXPORT, 2022, ProLitteris, Zurich

Die Ausstellung «VALIE EXPORT – Die Fotografien», welche in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin entstanden ist, legt den Fokus auf die Relevanz der Fotografie für ihr Schaffen. Der Logik von EXPORTs Werk folgend, präsentiert die Ausstellung dennoch nicht nur Fotografien, sondern stellt unterschiedliche Medien und Werke, die zwischen 1968 und 2007 entstanden sind, einander gegenüber.

(Redigierter Pressetext)

Über VALIE EXPORT

VALIE EXPORT vor ihrem Werk «Sehtext: Fingergedicht, 1968» (Foto: © Urs Tillmanns / Fotointern.ch)

VALIE EXPORT wurde 1940 in Linz, Österreich, geboren und lebt und arbeitet heute in Wien. Sie zählt zu den Pionier/innen der Performance- und Konzeptkunst. 1967 legte sie mit dem Namen «VALIE EXPORT» in einer zu dieser Zeit radikalen Geste sowohl den Namen ihres Vaters als auch den ihres Exmannes ab, um eine neue Identität für sich zu beanspruchen. Ihre Werke wurden weltweit im Rahmen zahlreicher Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. EXPORT lehrte an unterschiedlichen internationalen Institutionen und war von 1995 bis 2005 als Professorin für Multimedia-Performance an der Kunsthochschule für Medien in Köln tätig. Mit dem Erwerb des Vorlasses der Künstlerin wurde 2015 das VALIE EXPORT Center Linz gegründet und damit der Grundstein für ein internationales Forschungszentrum gelegt, welches die künstlerische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Medien- und Performancekunst fördert. (Weitere Informationen auf valieexport.at und auf wikipedia.org)

 

Das Buch «VALIE EXPORT»

Zur Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit der Albertina Wien und dem Prestel-Verlag ein umfassendes Buch zum fotografischen Werk von VALIE EXPORT erschienen. Es zeigt im Format 23,0 x 28,5 cm mit Softcover und Klappenbroschur auf 272 Seiten 220 schwarzweisse und farbige Abbildungen und enthält Texte von Jean-François Chevrier, Monika Faber, Gabriele Jutz und Walter Moser. Das Buch ist auf Deutsch oder auf Englisch erhältlich.

Preis: CHF 64.00 / EUR 49.00
(im Fotomuseum Winterthur z.Zt. CHF 40.00)
ISBN: 978-3-7913-7961-6

 

Die Ausstellung ist noch bis 29. Mai 2023 zu sehen im

Fotomuseum Winterthur
Grüzenstrasse 44+45
CH-8400 Winterthur

 

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