David Meili, 27. Januar 2010, 10:11 Uhr

D-SLR als Alternative für Film-Profis? – Erfahrungen aus der Praxis

Aladin Hasic ist seit vielen Jahren einer der begehrtesten „Director of Photography“ in der Schweizer Filmszene. Ursprünglich Fotograf, realisiert er selbst Auftragsfilme, wirkt an Kurzfilmen mit und war als Kameramann an „Sennentuntschi“ beteiligt. Hasic hatte stets Interesse an der digitalen Welt, doch filmte im Profibereich bis vor gut einem Jahr weitgehend analog.

In seinem von mehr als 230 Teilnehmer/innen besuchten Referat bei Light&Byte im Mediencampus an der Baslerstrasse in Zürich zeigte Aladin Hasic unmissverständlich auf, wie schwer es der traditionellen Filmproduktion fällt, im Bereich der Aufnahme und Pre-Production auf digitale Produktionstechniken umzustellen.  Filme macht man mit eingespielten Teams, die ihr Wissen und ihre Erfahrung über Jahre oder gar Jahrzehnte erworben haben und im Dauerstress einer Produktion nichts mehr verabscheuen, als neue technische Herausforderungen.

Doch auf der Suche nach Alternativen zum „schwerem Gerät“ wagte Aladin Hasic erste Auftragsfilme mit der Canon EOS 5D Mark II. Pioniere waren Jean Paul Cardieux und Xavier Ruiz, die den bekannten Umweltspot für Coop mit Rapper Stress mit mehreren Canon EOS 5D Mark II bereits vor zwei Jahren aus dem Rentpool von Light&Byte produziert hatten.

(Update: Vergleiche Richtigstellung von Aladin Hasic in seinem nachstehenden Kommentar.)

Hasic verschonte die Konkurrenz Red One nicht mit Seitenhieben. Er schätzt an der Canon die Kompaktheit des Systems, die Einfachheit, und dass es bis anhin nur wenige, doch relevante Upgrades der Firmware gab. Zudem ist selbst im Vergleich zu professionellen Videokameras aus dem eigenen Haus das Flagschiff von Canon aus dem Sortiment der D-SLR konkurrenzlos günstig.

Vorteil der D-SLR gegenüber professionelle Videokameras ist eindeutig der grosse Sensor. Er wird zur Herausforderung, weil die Schärfentiefe bei lichtstarken Objektiven eingeplant werden muss. Ein 1,2/50 mm liefert brillante Resultate, doch ist das Objektiv bei Porträts nur noch im Bereich von Ebenen von einigen Zentimetern einsetzbar. Lichtstarke Objektive braucht man, wenn man mit „leichtem Gerät“ filmen will. Sonst müsse er, sagte Hasic, einen Lastwagen mit zwei Beleuchtern vorfahren lassen. In der Fotografie kann man ganz banal die Blitzanlage um zwei Stufen aufdrehen.

Mit der genauen Fokussierung kommt ein anderes, praktisches Problem. In der der traditionellen Aufnahmetechnik wird der Schärfebereich manuell ausgemessen (mit dem Messband, nicht mit Laser (!)). Der Kamerassistent führt die Schärfe manuell nach. Doch rund um die kleine Canon tritt man sich auf die Füsse. Inzwischen bietet Light&Byte Zubehör an, das die Canon mit Schulterstativen, Handgriffen und all dem, was analoge Kameras und Filmkameras erweitert, den Wünschen der Filmprofis entspricht.

Hasic arbeitet mit der D-SLR sehr pragmatisch und setzt bei Bedarf  Methoden aus der klassischen Aufnahmetechnik ein, wie Fettfilter und vor allem Graufilter, die sich in verschiedenen Stufen kombinieren lassen. Daher schätzt er auch die Upgrades der Firmware, die schrittweise manuelle Einstellungen ermöglicht. Möglichst viel Qualität soll bereits in der Kamera entstehen. So werden Szenen oder Teile von Szenen, die nicht brauchbar sind, bereits vor dem Transfer gelöscht.

Die Einstellung und die Kontrolle der Einstellungen wäre verbesserungsfähig. Beim Anschluss eines Analog-Monitors wird das Sucherbild ausgeschaltet. Die von Canon perfekt gelieferte Steuerung über einen Laptop macht für Hasic keinen Sinn, da er auf dem Set bei der Kamera und nicht im „Kontrollzentrum“ arbeitet.

Desillusionierend wie überzeugend waren die Aussagen von Hasic in Sachen Ton. Bei seinen Produktionen dient die Tonaufnahme der Kamera  nur zum Abgleich mit den Aufnahmen der „Tönler“ und als Referenz bei der Post-Produktion im Studio. Fünfzig Prozent der Wirkung der Filme sind Ton, und das sei eine ganz andere Disziplin. Allein mit dieser Kamera eine broadcastfähige Reisereportage zu machen, dürfte scheitern, weil mit dem Fortschritt der Technik auch die Ansprüche der Kunden wachsen.

Einige Vorschläge zur Verbesserung der Kamera kommen aus der Praxis. So sollte das Herunterklappen des Spiegels nach längeren Einstellungen im Life-Modus verhindert werden. Auf dem Set ist für Sekunden alles blockiert. Zudem wünscht sich die Post-Production einen RAW-Modus. Bei Überhitzung des Sensors schaltet die Kamera nach Vorwarnung ab. Doch damit kann der Profi leben, den seine Sequenzen sind kaum länger als drei Minuten.

Aladin Hasic zeigte eindrücklich Beispiele einer Verfolgungsjagd aus einem fahrenden Auto auf einer Brücke mit vertikalen Brückengeländern, die er mit sehr hoher Verschlusszeit aufnahm. Die meisten Teilnehmer, viele von ihnen Film-Profis, hatten so etwas nicht erwartet und bis anhin nie gesehen. Womit der Canon-Begeisterte überzeugte, war die Direktheit. Ab seinem Laptop vermittelte er Rohmaterial für einen kommenden Spielfilm, gedreht auf einer Autobahnbrücke wenige hundert Meter entfernt von der Veranstaltung. Mit den Beispielen gab er Einblicke in einen Lernprozess, der für ihn erst am Anfang steht.

Die meisten der Teilnehmer/innen möchten mit einer D-SLR erste Film-Erfahrungen machen. Doch selbst die Spitzenmodelle von Canon garantieren ohne Fachwissen noch keine Meisterschaft. Bereits die EOS 500D ermöglich zum Preis eines qualitativ guten Camcorders den Einstieg. Wenn man als Fotograf oder als Video-Profi wirklich umstellen will, gewinnt man mit wenig finanziellem Einsatz die Erfahrung, dass sich die neue Welt des Filmens nicht einfach auf einen Knopfdruck erschliesst. Die Profi-Kameras von Canon können für weitere Schritte bei Light&Byte auch gemietet werden. Als sinnvolle Ergänzung bieten sich Kurse von ausgewiesenen Fachleuten an.

Light&Byte, Zürich
Links zu Produktionen von Aladin Hasic

7 Kommentare zu “D-SLR als Alternative für Film-Profis? – Erfahrungen aus der Praxis”

  1. Danke für den netten Beitrag,
    ich habe allerdings bereits im zweiten Abschnitt einen gravierenden Fehler entdeckt. Jean Paul Cardieux und Xavier Ruiz haben nicht den Coop-Stress-Clip gedreht und schon gar nicht auf der Canon EOS5D.
    Ich selbst habe ihn geschossen und zwar auf der ARRI SR3 S-16.
    Danke für die Korrektur / Kenntnisnahme.
    Zum zweiten: Man darf durchaus auch Laser-Messgeräte zur Schärfenmessung anwenden. Warum auch nicht?!
    Und zum dritten: Es werden nie Szenen gelöscht! Schon gar nicht vor dem Transfer.
    Ansonsten war der Autor dieses Beitrags sehr aufmerksam!

    Alles Gute, viel erfolg und
    GUT SCHUSS!

    Aladin

  2. „Kurse von ausgewiesenen Fachleuten“

    Kennt jemand solche Kurse oder hat vielleicht genauere Infos (Webseite usw)

    Wenn möglich in der Schweiz (oder Deutschland)

    Vielen Dank

  3. @ Aladin. Danke für den Hinweis und freue mich, dass Du meinen Beitrag gelesen hast.
    Bezüglich des Clips von Stress habe ich mich nach der ersten Version auf die Korrekturen des Veranstalters gestützt. Ich möchte es im Beitrag mit einem Verweis auf Deinen Kommentar belassen lassen, da sonst andere Kommentatoren den Originaltext nicht mehr finden.
    Ich fand Deine Präsentation als Laie ausgesprochen anregend und informativ. z.B. wusste ich nicht, wie Ihr den Ton macht, da dies in Foto-Foren stets ein Kritikpunkt ist (man könne mit der Kamera keinen professionellen Ton machen, muss man ja auch nicht!). Auch wurde mir der Unterschied deutlich zwischen einem Videojournalist und einem Film-Fotografen (oder wie werden wir ihn bezeichnen?). Es sind ganz unterschiedliche Ansätze und Techniken, die vermutlich erst von wenigen Filmkritikern begriffen werden.
    Auf alle Fälle wünsche ich Dir in Solothurn viel Erfolg und freue mich auf eine weitere Zwischenbilanz aus Deiner kreativen Praxis.
    David

  4. warum diese zurückhaltung aladin? dürfen wir nicht wissen wer und wo du bist? es ist ein altes schweizer leid. wir müssen dringendst besser kommunizieren sonst sind wir verloren. da nützen auch keine multimilliarden.

  5. Hallo zusammen,

    Ich weiss nicht wie oft diese Seite besucht wird, aber ich bin jetzt wieder mal zufällig darüber gestolpert und siehe da, es wird geredet resp. kommuniziert.
    Um michael przewrockis Frage zu beantworten: Wer und wo ich bin? Wie soll ich jetzt das wieder verstehen? Und was tut das bei filmen auf EOS zur Sache? Und welche Zurückhaltung meinst du?
    Also jetzt weichen wir auch komplett vom Thema ab!

    Reto vom Punkt 2! Kurse gibts in der Light & Bite, aber sag mir schnell bitte was würde dich am meisten interessieren? Danke für Feedback und Input!

    Hey David, also wenn ich einen Videobeitrag auf TeleZüri (von einem Videojournalisten) und einen 1A-Blockbuster (von einem Cinematografen) sehe, sehe ich auch gewisse Unterschiede! 🙂
    Und echte Filmkritiker scheren sich einen Dreck um Aufnahmetechniken und Bildanalyse. Nur schon weil sie mit dem Inhalt des Filmes zu sehr beschäftigt sind. Auf jeden Fall kauen sie an ihm mehr herum als an allem anderen. Drum wissen sie auch gar nicht was eine EOS ist. Aber egal.
    Ja, Solothurn war ein echter Erfolg, einer der Filme wurde Nominiert für einen der besten unter fünf. Leider ausgerechnet der, der auf s-16 gedreht wurde. Ich liebe immer noch 16mm.
    Ach ja und wegen Ton in der EOS, klar, wenigstens hat sie einen. Die Filmkameras haben (bis auf wenige Ausnahmen) gar keinen. Also stört er nicht sondern dient als nützliche Referenz in Zweifelsfällen.

    alles Gute
    Aladin

  6. Vielen Dank Aladin, und gratuliere zu Solothurn!
    Wir haben in der Zwischenzeit auch den Beitrag von Markus Zitt aufgeschaltet:
    https://www.fotointern.ch/archiv/2010/02/14/filmende-fotokameras-die-heimlichen-videostars/
    Einige Leser/innen führen dann die Diskussion mit mir auf Facebook weiter (davidmeili), wobei ich kein Technik-Experte bin.
    Es versteht sich, dass die technischen Informationen rasch veralten. Die grundlegenden Fragen bleiben: Professionell Filmen kann man nach meiner Auffassung nur im Team, ausser vielleicht Natur oder so.
    Die Kameras, die ich selbst einige Tage benutzen konnte, haben mich in einem Punkt überzeugt. Im HB Zürich konnte ich nachts in HD-Qualität „Filmen“, ohne weitere Lichtquellen. Das hätte ich nie gedacht.
    Entscheidend sind eindeutig Objektive mit sehr hoher Lichtstärke. Es gibt wenige, und sie sind naturgemäss teuer. Doch die Kombination eines grossen Sensors mit einer wechselbaren Spitzenoptik sind in diesem Preissegment berauschend.

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