Urs Tillmanns, 26. Februar 2011, 07:00 Uhr

70 Jahre DU: «René Burri – Die Ewigkeit des Augenblicks»

Die Kulturzeitschrift DU hat zu ihrem 70jährigen Bestehen ihre Jubiläumsausgabe René Burri gewidmet. Das ist kein Zufall, denn die beiden verbindet eine fast sechzigjährige Zusammenarbeit. Das Heft gibt nicht nur das fotografische Schaffen von René Burri treffend wieder, sondern es verrät auch viel bislang weitgehend Unbekanntes. Sowohl textlich als auch in ungesehenen Bildern.

DU ist eine Legende der Schweizer Kulturszene und wohl einmalig in ihrer Art. Für Fotografen ist die Zeitschrift zweifelsohne von besonderem Interesse, befasst sich DU doch seit Anbeginn in nahezu jeder Ausgabe mit einem fotografischen Kulturthema. Mal mehr, mal weniger. Doch findet die Fotografie in einem gelungen Mix durch das gesamtschweizerische Kulturschaffen einen angemessenen Stellenwert. Das wird nicht zuletzt auch damit untermauert, dass die Jubiläumsausgabe von DU zugleich die Hommage an einen Fotografen ist. An einen ganz besonderen …

Unterwegs. Das Schnellboot und sein Mutterschiff

René Burri ist acht Jahre älter als die Zeitschrift, die ihn ein Leben lang begleitete. Und er sie, denn seit 1958 finden sich von ihm regelmässige Beiträge im DU. Faszinierende Reportagen, aufrüttelnde Bild-Features von skurrilen Begebenheiten, Dokumentarfotografie, die weit mehr ist als nur Dokumentation. Die Bilder sind von einer Aussagekraft, die typisch ist für Burris Bildsprache: Ehrlich, unverfälscht und auf den Punkt gebracht.

Dieses DU-Heft gibt sehr viel über den Fotografen und den Menschen René Burri preis und gehört damit zu den Meilensteinen fotobezogener Zeitschriften. Man wird es aufheben und immer dann wieder zur Hand nehmen, wenn man etwas über René Burri wissen will. Besonders authentisch ist die Zeitreise «Unterwegs. Das Schnellboot und sein Mutterschiff» des ehemaligen DU-Chefredaktors Dieter Bachmann, aus der nicht nur eine hervorragende journalistische Recherche spricht, sondern eine tiefe persönliche Beziehung zu René Burri auf Grund einer langjährigen Zusammenarbeit.

Der Beitrag ist ein ganz starker textlicher Träger dieser Ausgabe, der durch das brillante Interview «Menschheit: grandios!» von Daniele Muscionico wertvoll ergänzt wird. Begleitet ist letzteres durch ein hervorragendes aktuelles Porträt von René Burri, welches Andri Pol aufgenommen hat.

René Burri farbig

Das Interview von Daniele Muscionico wird durch eine wichtige Einstiegsseite zu einer Farbstecke abgerundet. «Der doppelte Burri» stellt den in erster Linie durch seine Schwarzweiss-Fotografie bekannten René Burri in ein neues Licht und erklärt, wie René Burri in den frühen 1950er Jahren zur Farbfotografie kam – zu einer Zeit, als diese noch wenigen Pionieren vorbehalten war, die sich mit komplizierten Prozessen wie Dye Transfer und Agfacolor herumschlugen. Erklärtes wird dann auch mit Bildern untermalt, mit dem «farbigen Burri», den man in dieser Art noch kaum wo gesehen hat. Bilder, die nicht nur den ehrlichen Bildstil von Burri wiedergeben, sondern mit einer für Burri weitgehend unbekannten neuen Dimension aufgewertet werden: mit der Farbe.

Ausgegraben: Die Deutschen

Der nächste Meilenstein lässt im Heft nicht lange auf sich warten: Hans-Michael Koetzle zeichnet auf acht Seiten das Burri-Buch «Die Deutschen» auf, welches 1962 das Deutschland der Nachkriegszeit in einer Art und Weise dokumentierte, die aufrüttelte und anklagte und die Widersprüche der schwierigsten Epoche der deutschen Geschichte aufzeigte. Das Buch ist selten geworden, doch leistet nun die DU-Ausgabe einen wichtigen Beitrag dazu, diesen geschichtlich bedeutenden Band mit der vollumfänglichen Wiedergabe in Miniaturform in Erinnerung zu rufen.

Ein Burri-Original für DU-Leser

In der Heftmitte kommt dann die Geburtstagsüberraschung: DU-Leser haben hier die Gelegenheit einen Original Cibachrome-Print von René Burri zu erstehen. Zwar nicht ganz billig, aber einmalig. Es stehen vier Motive zur Auswahl, von denen je 25 bzw. 5 Exemplare nummeriert und handsigniert angeboten werden.

DU hat mit seiner Jubiläumsausgabe nicht nur René Burri ein verdientes Denkmal gesetzt, sondern auch für sich selbst einen Qualitätsbeweis erbracht. Das Heft hat in den 70 Jahren bewegte Zeiten durchgestanden und ist heute wieder auf Kurs und Niveau, welche einst das Blatt gross werden liessen. Und so gilt es beiden zu gratulieren: DU zum 71. Jahrgang und René Burri zu seinem 79sten Geburtstag. Zu letzterem haben wir allerdings noch zwei Monate Zeit …

Urs Tillmanns

Die aktuelle Ausgabe von DU kostet im Zeitschriftenhandel CHF 20–. Sie kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.

Das Jubiläumshaft «70 Jahre DU» ist mit zwei verschiedenen Titelbildern im Handel. Der Inhalt ist jedoch bei beiden Ausgaben identisch.
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Inhaltsübersicht der DU-Ausgabe Nr. 814 vom März 2011
I.

Kurzbiografie
«Where is René?»
Für seine Freunde ist René Burri oftmals der grosse Abwesende. «Where is René?», lautet das geflügelte Wort. Eine Biografie auf der Weltkarte.

Rückblende – Dieter Bachmann
Unterwegs. Das Schnellboot und sein Mutterschiff
Du-Zeitreise mit René Burri und Dieter Bachmann: Wie ein Volontär in die Welt der Kultur aufsteigt. Wieso Picassos Glaube an die Unglückszahl Dreizehn Glück bringt. Was Burri in einer Hopi-Sprache bedeuten könnte.

Ikonen – René Burri
Unvergessliche Momente
Es gibt Bilder, die für immer im Gedächtnis haften bleiben. Einige dieser Ikonen der Fotografiegeschichte stammen vom Schweizer Magnum-Fotografen René Burri. Gemeinsam mit Du wählte Burri die grossen Momente aus seinem Archiv aus und erzählt, welche persönlichen Erinnerungen damit verbunden sind.

Gespräch mit René Burri – Daniele Muscionico und Andri Pol (Porträt)
«Menschheit: grandios!»
René Burri ist eine wandernde Legende, ein Bilder-Nomade mit legendärer Vergangenheit. Als Treffpunkt für ein Gespräch wünschte er sich das Zürcher Restaurant Kronenhalle. Ein Raum mit Geschichte für einen Fotografen, der von Geschichten lebt.

Farbfotografie – René Burri
Der doppelte Burri
Er führe ein «Doppelleben», sagt René Burri, eines schwarz-weiss und eines in Farbe. Weltberühmt ist Burri für seine Schwarz-Weiss-Fotografien. Doch der Künstler hat auch andere Seiten. Nur wenige kennen seine Dokumentarfilme, seine Collagen oder Aquarellmalereien. Eine ästhetische Überraschung sind Burris Farbfotografien. Ein Einblick in ein kaum bekanntes Archiv.

Kopfbilder – Brigitte Ulmer
Galerie der nicht geschossenen Bilder
Die besten Bilder, die René Burri nicht schoss, haben ihn zu dem Fotografen gemacht, der er heute ist.

Collagen – Guido Magnaguagno
Duckling breast with oranges
René Burri, ein «homme à femmes»? Laut Werkverzeichnis gibt es nur ein einziges Aktfoto, dagegen tummeln sich auf Burris Collagen und Aquarellen zahlreiche Schönheiten. Über sie lässt sich spekulieren – und lustvoll schwärmen.

Fotobuch – Hans-Michael Koetzle
Die Deutschen
Als Zwanzigjähriger reist René Burri durchs Deutschland der Nachkriegszeit und entwickelt dabei eine neue Bildsprache. 1962 erscheint das epochale Buch «Die Deutschen». Die FAZ schreibt empört: «So hässlich sind wir nicht!»

René Burri:
Sonderaktion für DU-Leser

II.

Gespräch mit Brigitte Kronauer – Thomas David
«Die Literatur ist die Stunde der Wahrheit»
Gute Literatur widersetzt sich mit kompromissloser Radikalitätder einfältigen Wirklichkeit. Brigitte Kronauer zählt seit dreissig Jahren zu den Besten ihrer Zunft. Im Arbeitszimmer in ihrem Haus in Hamburg gewährt die Büchner-Preis-Trägerin Einblicke in die Arbeit an ihrem neuen Buch.

Literatur – Brigitte Kronauer
Mitgefühle
Das Manuskript zum neuen Roman von Brigitte Kronauer ist noch unvollendet. Trotzdem gewährt uns die Büchner-Preis-Trägerin einen spannenden Schulterblick in einen Text, in dem sie «alles bringen möchte, was ich bis jetzt denken und schreiben kann».

Enabler (I) – Daniele Muscionico
Bechtler oder Die Kunst-Schrittmacher
Mit Risikobereitschaft und Pioniergeist investiert die Zürcher Unternehmer-Dynastie Bechtler ihre Talente in zeitgenössische Kunst und deren Wirken im öffentlichen Raum. Im Sommer ist erstmals ihre phänomenale Firmensammlung im Bereich der konzeptuellen Fotografie zu sehen: im Kunstmuseum Bonn. Auftakt zu einer Du-Serie über Menschen, die Kunst oft (erst) möglich machen.

III.

Urs Stahels Sichtweisen: Fashion total

Raffinierter leben mit Ludwig Hasler

Fotobuch: Daniele Muscionico über «One day»

Ausstellungstipps von Juri Steiner

Stefan Zweifels Literaturtipps

Filmtipp: Martin Walder über «Uncle Boonmee»

Theatertipps: Daniele Muscionico zur Innovation in der Provinz

Jazztipp: Tilman Urbach über Nils Wogram

Pop- und Klassiktipps: Albert Kuhn und Christian Berzins

Opernhaus Zürich: Eva Liebau und Dani Levy

Migros-Kulturprozent: migros museum für gegenwartskunst

Vorschau Du 815: Andrea Ventura

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