Urs Tillmanns, 7. April 2019, 10:01 Uhr

Was zwei Millimeter ausmachen …

Das Sortiment der X-Objektive wurde von Fujifilm in den letzten Jahren erheblich ausgebaut und durch modernere Objektive erweitert. Ein Beispiel dafür sind die beiden extremen Weitwinkelzooms. Während das XF 4/10-24mm Weitwinkelzoom bereits vor vier Jahren auf den Markt kam, gehört das XF 2,8/8-16mm zu den Photokina-Neuheiten und ist erst seit anfangs dieses Jahres lieferbar. Augenfällig sind die beiden Lichtstärken mit einer Blende Unterschied, dann aber auch das Gewicht und die Grösse sowie insbesondere der Preis, der beim Neuling gerade mal doppelt so hoch ist: 1’139 gegen 2’299 Schweizerfranken – das ist kein Pappenstiel.

 

Doppelter Preis für zwei Millimeter mehr Brennweite und erst noch einen kleineren Zoombereich? Auf den ersten Blick erstaunt diese Tatsache. Aber so einfach ist die Geschichte nicht. Teil des Konzepts bei der Entwicklung des neuen XF 2,8/8-16mm von Fujifilm war die Anbindung an die bestehende Zoomobjektiv-Reihe mit gleicher Lichtstärke, das XF2,8/16-55mm R LM WR im mittleren Brennweitenbereich und XF 2,8/50-140mm R LM OIS WR im langen. Die drei Objektive zusammen ergeben eine auf Kleinbild bezogene Brennweitenspanne von 12 bis 213 mm, und dies bei gleicher Anfangsöffnung von 2,8. Die ideale Fotoausrüstung für (fast) alle Fälle.

 

Weiter dürfte bei der Entwicklung des neuen Zooms eine wichtige Vorgabe gewesen sein, dass das Objektiv den beiden anderen Premium-Linsen qualitativ ebenbürtig sein muss und auch bezüglich Auflösung und Korrektionen den Ansprüchen künftiger Sensoren mit noch mehr Pixel nachkommt. Daraus ist ein schwerer und dicker Brocken geworden, der 20 Linsen beherbergt und mehr als 800 Gramm auf die Waage bringt. Und diese aufwändige Konstruktion schlägt sich logischerweise auch im Preis nieder.

 

Lohnt sich die Blende mehr Lichtstärke zum doppelten Preis? Eine berechtigte Frage, die letztlich bei der Kaufentscheidung ein gewichtiges Wort mitredet.

Dazu stellt sich auch die Frage: Wie wichtig ist hohe Lichtstärke? Wer sich an die analoge Zeit erinnert, wo ISO 1600 die obere Kante der Filmempfindlichkeit war und hohe Lichtstärken die Ausnahme waren, wird sich im ISO-verwöhnten Digitalzeitalter mit der Anfangsöffnung 4,0 des XF 10-24mm vollends zufrieden geben. Kommt hinzu, dass das ältere Objektiv besser zur kompakten Fotoausrüstung passt und mit dem grösseren Brennweitenbereich von kleinbildentsprechenden 15 bis 36 mm sehr universell einsetzbar ist.

Der Brennweitenbereich der beiden Objektive. Das Fujinon XF 4/10-24mm ist universeller einsetzbar

Allerdings darf man vom XF 4/10-24mm nicht die gleiche optische Leistung erwarten, wie vom dickeren Bruder, besonders nicht bei der Anfangsöffnung. Während das XF 2,8/8-16mm schon bei Blende 2,8 beinahe und bei Blende 4 sicher die volle Schärfe- und Kontrastleistung, sowohl im Zentrum als auch am Rand zeigt, kränkelt das XF 4/10-24mm in seinen ersten zwei Blenden 4 und 5,6 vor allem in den Bildrandbereichen. Qualitativ ideal ist die Verwendung der Blenden 8 und 11, denn ab Blende 16 (beim XF 2,8/8-16mm bei 22) macht sich eine leichte Beugungsunschärfe vor allem in den Randbereichen bemerkbar. Im Bereich der mittleren Blenden sind die beiden Objektive ebenbürtig, vielleicht ist das XF 2,8/8-16mm noch einen Tick schärfer.

Der Innenraum der Klosterkirche Rheinau als Testmotiv, hier mit dem Fuijnon XF 2,8/8-16mm aufgenommen …

… und hier mit den Fujinon XF 4/10-24mm fotografiert. (Mit freundlicher Bewilligung der Klosterkirche Rheinau ZH)

 

Und sie lohnen sich doch …

Nominal scheinen diese zwei Millimeter unerheblich zu sein, aber bei solch extremen Weitwinkelobjektiven bedeuten sie Welten. Wie die nachstehende Aufnahme der Decke der Klosterkirche Rheinau zeigt, ist der Objektraum, den man mit den zwei Millimetern mehr Brennweite gewinnt, beträchtlich – er beträgt flächenmässig satte 58%! Das kann gerade bei vielen Innenarchitektur-Aufnahmen oft entscheidend sein, ob wichtige Motivpartien noch mit aufs Bild kommen oder nicht.

Die Aufnahme der Decke der Klosterkirche verdeutlicht, was die zwei Millimeter Brennweite in der Praxis bewirken

Besonders wichtig ist der gewonnene Objektraum dann, wenn es darum geht die stürzenden Linien zu korrigieren, was meistens einen relativ starken seitlichen Bildverlust mitsich bringt.

Korrigiert man die stürzenden Linien, so ist man froh um jedes bisschen seitliche Bildreserve

 

Bummel mit dem 8-bis-16er

Man könnte sich in die beiden Objektive verlieben, besonders wenn man von der Weitwinkelfotografie begeistert ist. Sie dient einmal dazu, um grosse Übersichten und Objekträume festzuhalten, dann aber auch, um mit perspektivischer Übertreibung die Welt ein bisschen anders, etwas ulkiger aussehen zu lassen. Allerdings ist dabei auch Vorsicht geboten: Im extremen Weitwinkelbereich reicht ein leichtes Verkanten der Kamera aus, dass die Linien «aus dem Ruder» laufen, dass beispielsweise horizontale Linien nicht mehr parallel zur Formatlinie sind. Und allzu oft sollte man die übertriebenen Perspektiven auch nicht zeigen, sonst verliert die Sache Ihren Reiz.

Hier ein paar Beispiele, als kleine «Weitwinkel-Schule»:

In der Landschaftsfotografie sind Weitwinkelobjektive prädestiniert für grosse Übersichten. Dabei wird der Vordergrund zwangsläufig überbetont

 

Das Fotografieren von Innenräumen ist wohl die klassischste Anwendung mit extremen Weitwinkelobjektiven. Hier der Saal der Gerber-Zunft im Museum Allerheiligen in Schaffhausen (mit freundlicher Bewilligung)

 

Mit einem Bildwinkel von 121° (diagonal) lässt sich auch der Kreuzgang Allerheiligen in Schaffhausen voll erfassen

 

Will man imposante Fassaden in ihrer ganzen Grösse zeigen, so gehören auch die stürzenden Linien zur typischen Wahrnehmung 

 

Und hier zu den Übertreibungen: Dieses und das nachfolgende Bild wurden beide mit Brennweite 8mm fotografiert. 

Die Veränderung des Aufnahmewinkels und der Entfernung zum Blumenarrangement bewirkt eine völlig andere Perspektive.

 

Man kann es auch auf die Spitze treiben und den Strassenkreuzer noch imposanter wirken lassen.

Dabei ist alles von vorne bis hinten scharf – eine weitere Eigenheit kurzer Brennweiten

 

Fazit: Es sind in der Tat teure zwei Millimeter, die man sich mit dem XF 2,8/8-16mm erkauft. Wer wirklich die Extrembrennweite von 8 Millimeter nutzt, die bei Kleinbild einem 12mm-Objektiv entspricht, wer dabei Wert auf die hohe Lichtstärke von 1:2,8 und auf höchste Schärfeleistung legt, wird ziemlich tief in die Tasche greifen müssen. Wer hingegen auch mit «nur» 10 Millimetern (15mm bei Kleinbild), mit einer Blende Anfangsöffnung weniger und einer etwas geringeren Auflösung bei voller Öffnung leben kann, der ist mit dem XT 4/10-24mm gut beraten. Als Bonus bekommt man dann eine kompakte Bauweise und einen grösseren Zoombereich von 15 bis 36mm. Damit wird es zum Objektiv, das man wahrscheinlich öfters dabei hat.

Text und Bilder: Urs Tillmanns

 

Technische Daten: Fujifilm 8-16mm und 10-24mm im Vergleich
  Fujinon XF8-16mm F2.8 R LM WR Fujinon XF 10-24mm F4 R OIS
Brennweite 8-16 mm (12-24 mm) 10-24 mm (15-36 mm)
Lichtstärke 1:2,8 1:4,0
Opt. Konstruktion 20 Elemente in 13 Gruppen
(3 Asphären, 3 ED, 3 Super-ED)
14 Linsen in 10 Gruppen
(4 Asphären, 4 ED-Linsen)
Bildwinkel 121° bis 83.2° 110° bis 61.2°
Blenden 2,8 bis 22 4 bis 22
Blendenlamellen 9 7
Fokusbereich 0,25m bis ∞ 0,5m bis ∞,
Makro 0,24m bis ∞
max. Abbildungsmassstab 0,1x (Teleposition) 0,16x (Teleposition)
Abmessungen ø 88 x 121,5 mm ø 78 x 87 mm
Filtergewinde ø 72 mm
Gewicht 805 g 410 g
Markteinführung November 2018 März 2014
Preis CHF 2299.00 CHF 1139.00
InfoLink www.fuji.ch www.fuji.ch

 

 

 

6 Kommentare zu “Was zwei Millimeter ausmachen …”

  1. Guter, schöner Test.
    Eigentlich würde ich persönlich wegen dem geringeren Gewicht und der Kompaktheit, aber auch wegen der für mich wichtigen Stabilisierung sowie dem vorhandenen Filtergewinde klar dem 10-24 den Vorzug geben. Allerdings wird all dies durch die suboptimale Bildqualität in den Randbereichen zunichte gemacht.

  2. @ Peter Klein

    Was bedeutet für Sie „suboptimale Bildqualität“? Kommt es nicht auf den Einsatzzweck an? Im Bericht glaube ich gelesen zu haben daß beide Objektive bei Blende 8 vergleichbare Leistung abzuliefern in der Lage seien. Leichte Vorteile für den „Lichtriesen“. Wer damit Landschaftsfotos machen möchte wird wahrscheinlich keine Unterschiede sehen. Oder täusche ich mich?

    Für Reportagefotos sind in aller Regel die Randbereiche nicht wichtig.

    Hätte ich eine Fuji, wäre für mich die Wahl klar. Ich würde mich für die leichtere und preiswertere Linse entscheiden. Den Brennweitenbereich empfinde ich praxisgerechter. Super kurze Weitwinkel benötige ich selten. Meist stören mich deren Verzerrungen. Überhaupt sehe ich sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten für solche Objektive sehr beschränkt.

    1. @ Micha Spiegi
      Ja, die Randunschärfe spielt nicht bei jedem Motiv eine Rolle, aber doch bei zu vielen. Für einen Kauf spielen dann solche Einschränkungen eine entscheidende Rolle.
      Mir geht es wie Heinz P und deshalb würde ich mir das 10-24 nicht kaufen. Auch fände ich ein Ultraweitwinkel als Festbrennweite wünschenswert, doch Fuji extremste WW-Festbrennweite ist das 14er. Bleibt noch das 12er von Zeiss.

  3. Ich habe das 10 – 24 mm erst kürzlich gegen die 14 mm Festbrennweite von Fuji getauscht, weil mir das 10-24er in den Randbereichen auch bei Blende 8 oder 11 zu unscharf war. Die Unschärfe war bei Vergrößerungen von Architekturaufnahmen auf DIN-A3 tatsächlich störend, vor allem bei 10mm Brennweite. Das 14mm Objektiv bedeutet zwar eine Einschränkung bzgl. der universellen Einsatzmöglichkeiten des Objektives, dafür ist es aber auf der XT-2 bis zum Rand scharf und vor allem sehr kompakt und leicht.
    Fuji sollte eine ausgezeichnete 8 oder 10mm Festbrennweite anbieten, da gerade in diesem Bereich Zoomobjektive aufgrund des sehr speziellen Einsatzgebietes nicht unbedingt nötig sind. Damit wären die Nachteile Gewicht und Preis relativiert.

  4. Sehr guter informativer Bericht, der die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Weitwinkelbrennweiten plastisch aufzeigt, inklusive der Bildwinkelreserve, die es braucht, stürzende Linien zu korrigieren. An diese denken beim Brennweitenvergleich wohl die wenigsten.

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