Urs Tillmanns, 26. Oktober 2014, 07:00 Uhr

Aus Liebe zu den Pinguinen …

Janine Wetter hat ein klares Ziel: Sie will in die Antarktis, um Pinguine in ihrer natürlichen Umgebung zu filmen. Sie will wissen, wie und wo sie leben und ob die Existenz der niedlichen Tiere wirklich so sehr gefährdet ist, wie man liest. Doch es gibt ein Problem: Janine ist 17 und geht noch zur Schule. Ob sie für ihr gigantisches Hobbyprojekt wohl sechs Wochen frei bekommt?

 

Szenenwechsel. In einem Kurs der Videoacademy interessiert sich eine Teilnehmerin besonders für die Technik des Filmens. Sie fällt dem Kursleiter Charles Michel auch deshalb auf, weil sie immer wieder von ihrem Wunsch erzählt Pinguine zu filmen, und zwar nicht im Zoo, sondern dort wo sie leben – in der Antarktis. «Das Mädchen hat so überzeugend von diesem Projekt erzählt, hat selbständig Verhandlungen mit den Managern von möglichen Sponsorpartnern geführt, dass mir klar wurde: sie wird es schaffen» erinnert sich Charles Michel. «Und je mehr ich sie dabei coache, desto besser dürfte der geplante Film werden. Abgesehen davon, dass es mich auch reizen würde in die Antarktis zu fahren – als einen der wenigen Erdteile, den ich noch nicht kenne.»

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Das ehemalige chilenische Kriegsschiff «Aquiles» wird heute als Expeditionstransporter eingesetzt

Szenenwechsel. Die «Aquiles», ein ehemaliges Kriegsschiff der chilenischen Marine, steuert der Drake-Passage entgegen, die als die wildeste Meerespassage der Welt gilt. Es sind 74 Antarktisforscher aus aller Welt an Bord, welche zu den südlichsten chilenischen Forschungsstationen gebracht werden sollen. Mit dabei: Janine Wetter, Gymnasiastin und Initiantin, Charles Michel, Fotograf und Kameramann sowie Christian Lipp, Redaktor von SRF. Der Schiffsarzt verteilt Tabletten gegen die Seekrankheit …

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Das Leben an Bord war nie langweilig – aber manchmal sehr bewegt …

Janine Wetter hat es geschafft, und mit jeder Seemeile kommt sie ihrem Ziel näher. «Wetterbedingt mussten wir einen Tag früher auf das Schiff. Leider fehlte uns diese Zeit für die letzten Vorbereitungen. Dennoch, wir sind gut gerüstet» schreibt Janine in ihr Tagebuch. Ja, die Vorbereitungen! Was muss und soll man mitnehmen? Welche Kameras, Objektive und Zubehöre? Wieviele Akkus? Und wieviel Platz bleibt dann noch für Kleider und die persönlichen Effekte? Der Koffer darf nur 23 Kilogramm schwer sein!

(Lesen Sie zur Foto- und Videoausrüstung den Bericht «Die Kameraausrüstung für die Antarktis-Expedition» von Charles Michel.)

 

Aus dem Tagebuch von Janine

5. Januar 2014/ 01:30, Kings George Island / Antarktis. Auf dem Schiff lernten wir Agnieszka Kruszewska kennen, die Leiterin der polnischen Antarktis-Forschungsstation «Arctowski». Sie erzählte uns von einer grossen Pinguinkolonie in der Nähe ihrer Station und von Forschern, die dort die Veränderungen in dieser Kolonie dokumentieren. Wir wussten nicht, was uns dort genau erwartet, aber unsere Vorfreude war riesengross. Da die polnische Station nicht auf der Route unseres Schiffes lag, mussten wir mit einem Schlauchboot auf das peruanische Expeditionsschiff «Humboldt» wechseln. Wir wurden vom Kapitän persönlich empfangen und zusammen mit Agnieszka in die Offiziersmesse gebracht. Nach dem Essen schwatzten wir noch stundenlang mit dem Kapitän und den Offizieren. Lange nach Mitternacht mussten wir unser Gepäck zusammenpacken und fuhren in aller Dunkelheit mit dem Schlauchboot über das wilde Meer zur polnischen Station. Die polnische Forschungsstation steht auf «King George Island» in einer der wenigen Regionen der Antarktis, die zu dieser Zeit eis- und schneefrei sind.

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Pinguine posieren vor der polnischen Forschungsstation «Arctowski». Eine der zur Zeit wenigen eisfreien Flächen auf «King George Island»

Nach dem Frühstück war es endlich so weit. Dank einer Spezialbewilligung der chilenischen Regierung durften wir auch in speziell geschützten Gebieten der Antarktis filmen. Unser Team brach mit einem Pinguinforscher und Agnieszka zu der riesigen Pinguinkolonie auf, die etwa eine halbe Stunde zu Fuss von der Forschungsstation entfernt ist.

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Dann meine grosse Freude: Wir standen inmitten von tausenden Pinguinen – umgeben von meinen Lieblingen, auf die ich mich jahrelang gefreut hatte. Motive noch und noch – und die putzigen Frackträger schien unser Getue gar nicht gross zu kümmern.

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In der Station kam ich mit zwei amerikanischen Forschern ins Gespräch, die das Leben der Pinguine studieren. Leider bestätigten sie, dass die Pinguinpopulation extrem sinkt und dass der Klimawandel auf diese Region drastische Auswirkungen hat. Zur Zeit brüten auf diesem Berg noch etwa 3’000 Pinguinpaare. Vor zehn Jahren waren es noch fast 30’000 Paare.

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Nach fünf abenteuerlichen Tagen auf der polnischen Forschungsstation Arctowski ging es wieder zurück auf unser chilenisches Schiff. Die letzten zwei Tage tobte ein Schneesturm und wir durften das Schiff nicht verlassen. Alle Luken wurden verschlossen und das Material musste sicher verstaut werden. Trotz des schlimmen Wetters begleiteten Wale unser Schiff. Die Reise ging weiter Richtung Süden, immer tiefer in die Antarktis …

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Antarktis, 2. März 2014: Jeden Tag ein neues Abenteuer

Im Wechsel tagelange Stürme und dann wieder wunderschönes Wetter. Das Schiff fuhr langsamer als sonst, um eine Kollision mit einem Eisberg zu verhindern. Wir waren auf dem Weg zur chilenischen Station «González Videla», die eine der schönsten Stationen der Antarktis sein soll. Und hier sollen sogar die weissen Gentoo-Pinguin leben. Nachdem das Schiff wenige hundert Meter vor der Station geankert hatte, stiegen wir ins Schlauchboot und fuhren zu den Pinguinen. Es erwartete uns ein kleines Paradies.

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Tausende von Pinguinen sassen mit ihren wenigen Wochen alten Küken in den Nestern. Die Kleinen watschelten ihren Eltern nach und wurden von ihnen gefüttert. Wir machten uns auf die Suche nach dem Albino-Pinguin. Inmitten der schwarz-weissen Gentoo-Pinguine entdeckten wir ihn schliesslich mit seinen zwei Küken. Im Gegensatz zu den anderen seiner Art hatte er einen weissen Körper, in dem eine leichte Zeichnung zu erkennen war.

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Ein Glücksfall: Wir konnten sogar einen der extrem seltenen Albinos fotografieren

Noch am selben Tag nach einigen Stunden ruhiger Fahrt erreichten wir den südlichsten Punkt unserer Reise. Inmitten von Eisbergen und Inseln ankerte das Schiff in einer Bucht vor der amerikanischen Palmer-Station. Leider verweigerten uns die Amerikaner einen Besuch auf ihrer Station. So genossen wir den wunderschönen Sonnenuntergang staunend von der Brücke unseres Schiffes aus.

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Während der Rückfahrt Richtung Norden erwarteten uns noch weitere Überraschungen. So war es eines nachmittags ungewohnt unruhig auf dem Schiff. Der Kapitän war nervös und die Stimmung auf der Brücke angespannt. Ein riesiger Eisberg hatte sich dem Schiff bis auf 14 Meter genähert. Schnell wurde die Ankerkette hochgezogen und der Motor gestartet. Einige Passagiere fanden sich auf dem Deck ein, um das Spektakel zu beobachten. Der Eisberg war so riesig, dass man manches Mehrfamilienhaus darauf hätte bauen können. Glücklicherweise ging alles glimpflich aus und das Schiff konnte unbeschadet weiter Richtung Norden fahren.

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Schon bald erwartete uns wieder die Drake Passage. Zum Abschied von der Antarktis zeigte sich das Wetter von seiner schönsten Seite mit einer wunderschönen Abendstimmung. Bald stand die Ankunft in Punta Arenas und somit die letzten Tage unserer Reise bevor. Auf dem Schiff hatten wir von einer Insel nur wenige Stunden von Punta Arenas entfernt gehört, auf der 300’000 Pinguine leben sollen. Als Abschluss der Reise wollten wir unbedingt diese Insel besuchen.

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Am frühen Morgen fuhren wir mit einem kleinen Schiff zu dieser Insel Magdalena, wo die rund 300’000 Magelan-Pinguine leben. Im Gegensatz zu antarktischen Verwandten brüten diese in Pinguinen in Höhlen unter der Erde und bauen ihre Nester nicht aus Steinen sondern aus Gras. Der Besuch dieser Insel war ein schönes Erlebnis. Zu unserer Freude fuhren wir am Nachmittag zu der benachbarten Insel Marta. Diese Insel darf von niemandem betreten werden. Aber vom Schiff aus konnten wir tausende von Pinguinen und eine grosse Seelöwen-Kolonie beobachten und filmen.

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Den letzten Tag verbrachten wir in der Stadt Punta Arenas, wo wir die letzten Dinge für den Heimflug organisierten. Schliesslich mussten wir noch unsere Koffer mit der Ausrüstung ein letztes Mal packen und den Heimflug antreten. Die 22 Stunden Flug vergingen, in Gedanken versunken an das Erlebte, wort-wörtlich wie im Flug.

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Über 10’000 Fotos und 3000 Videoclips warten auf die Bearbeitung

Seit meiner Rückkehr aus der Antarktis habe ich fast jeden Abend vor dem Computer verbracht. Einige tausend Videoclips habe ich angeschaut, beschrieben und bewertet, Fotos bearbeitet, aussortiert und zusammengestellt. Eine lange Arbeit, bis aus den Bergen von Rohmaterial endlich ein vorzeigbares Produkt wurde. Dabei waren mir die vielen Ratschläge und Erfahrungen von Charles Michel eine grosse Hilfe. Ohne ihn wäre das Projekt nie so geworden, wie es nun schlussendlich ist.

Pinguine_CM_Nachbearbeitung

In den unzähligen Stunden der Nachbearbeitung wurden in mir immer wieder viele schöne Erinnerungen geweckt: Gedanken an die ewigen Eislandschaften, an die Pinguine, die Seeelefanten und die Wale, an den Duft nach Salzwasser, an das Geräusch der Schiffsturbinen, an die Weite des Meeres, an das Schaukeln des Schiffes, an die Zeit auf der polnischen Forschungsstation Arctowski … Ich könnte die Liste endlos weiterführen. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an diese einzigartige Zeit zurück denke. Mein grösster Wunsch ist es, eines Tages wieder zu meinen Lieblingen zurück zu kehren …

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Hinweise:

Der bei der Expedition entstandene Dokumentarfilm «Pinguine in Gefahr» ist am Freitag, 31. Oktober 2014 um 19:30 Uhr (Türöffnung 19:00 Uhr) in der Kantonsschule (KZO), Bühlstrasse 36, 8620 Wetzikon öffentlich zu sehen.

Wenn Sie mehr über das Projekt und die Erlebnisse von Janine Wetter erfahren möchten, finden Sie dies auf ihrer Webseite http://janinewetter.ch/

Fotos: Charles Michel und Janine Wetter

 

Ein Kommentar zu “Aus Liebe zu den Pinguinen …”

  1. Super Beitrag.
    Danke Fotointern, Charles Michel und vor allem Janine Wetter. Leider werde ich wohl die zwei Stunden Fahrt aus Deutschland zum Vortrag an der Schule nicht zeitgerecht hin bekommen. Hoffe das der Film auch mal in Deutschland oder im Schweizer Fernsehen gezeigt wird.

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