Horst Gottfried, 13. November 2023, 22:00 Uhr

Leichtgewicht mit Übersicht: Fujinon XF 8mm im Praxiseinsatz

Mitte Sommer 2023 hat Fujifilm mit dem Fujinon XF 1:3.5/8mm R WR (Fujifilm-Schreibweise: XF8mmF3.5 R WR) ihr bislang stärkstes Weitwinkel unter den Festbrennweiten des X-Systems eingeführt (Fotointern berichtete). Das Ultraweitwinkel mit 121° wurde für Kameras mit Bildsensor im APS-C-Format entwickelt und entspricht einer Brennweite von 12mm auf das Kleinbildformat (KB) bezogen. Seine unverbindliche Preisempfehlung (UVP) beträgt 829.- Franken (899 Euro in Deutschland/Österreich).

Mit seiner ordentlichen, aber nicht besonders hohen Lichtstärke von 1:3,5 fällt es das Objektiv leicht (215 g) und kompakt (6.8 x 5,8 cm) aus – insbesondere im Vergleich zu den Ultra-Weitwinkelzooms mit gleicher oder ähnliche Startbrennweite wie das XF 2,8/8-16mm oder das XF 4/10-14mm (siehe Vergleich der wichtigsten Daten). Wie die Kürzel im Namen des XF 3,5/8mm R WR verraten, hat es einen manuellen Blendenring (R) und ist wasserfest (WR).

Wir haben die 8mm-Festbrennweite vor einigen Wochen in der Praxis auf einer Herbstreise als leichtes Reportageobjektiv zusammen an der ebenfalls Mitte Sommer eingeführten Fujifilm X-S20 ausprobiert und berichten hier nun über unsere Eindrücke. (Übrigens kam das Objektiv auch schon für den Bericht über die Fotomesse Photopia 2023 zum Einsatz.)

Mit ihren zahlreichen Einstellmöglichkeiten und dabei praxisgerechter Bedienbar- und Handlichkeit erwies sich die Fujifilm X-S20 als ausgezeichnete Reisebegleitung.

Das Fujinon XF 3,5/8mm im Praxistest

Beim Besuch der Klassik- und Goethe-Stadt Weimar musste das neue Fujifilm Ultra-Weitwinkel «Fujinon XF 8 mm F3.5 R WR seine Talente unter Beweis stellen. Zusammen mit der neuen handlichen «Fujifilm X-S20» mit ihrem aktuellen 26-Megapixel Fuji-X-Trans-CMOS-Sensor bildete das Objektiv ein kompaktes, nur 730 g leichtes Team.

Das Fujinon XF10-24mm F4 musste beim Weimar-Kurztrip  aus Komfortgründen (Grösse und Gesicht) zugunsten des handlicheren XF8mm zu Hause bleiben..

Als gute Idee erwies es sich, das grosse, schwere XF-Zoom 4/10-24mm, das mir normalerweise als Ergänzung zum Standard-Zoom XF 2,8-4/18-55mm dient, zu Hause zu lassen und mich für unterwegs auf die handliche 3,5/8mm-Festbrennweite zu beschränken.

Der extrem weitwinklige Charakter des neuen XF 8mm passt zu Weimars touristischen Highlights, zu den engen Strassen und Gassen der Altstadt wie auch den weitläufigen Parks und ebenso zu den kleinen, historischen Räumen des Goethe-Hauses oder dem grossen, modernen Bibliothekssaal der Bauhaus-Universität.

Weimar Goethe-Haus: Innenaufnahmen gehören zu den bevorzugten Einsatzbereichen des neuen Fujinon XF8mm (12mm KB-Format).

Der grosse Bildwinkel ermöglicht dynamische Perspektiven wie hier im Goethe-Haus Weimar.

 

Schon bei grösster Öffnung 1:3,5 reicht die Schärfentiefe vom Dirigenten vorn bis zum Cranach-Alter im Hintergrund wie bei dieser Kirchenkonzert-Probe.

 

Die Aufnahmeserie aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar demonstriert die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten mit dem Fujinon XF8mm F3,5.

Anna-Amalia-Bibliothek

Das neue XF 3.5/8mm R WR bietet nach dem eingangs erwähnten «XF 2.8/8-16mm»-Zoom als zweites Fujinon-X-Objektiv einen ultraweiten diagonalen Bildwinkel von 121 Grad. Damit entspricht es einem 12-Objektiv für das Kleinbild-Vollformat. Dabei misst es nur knapp 68 mm im Durchmesser (mit Filtergewinde von 62 mm) und trägt nur 53 mm auf. Die serienmässig mitgeliefert Streulichtblende ragt weitere 28 mm vor und reduziert damit möglicherweise störende Reflexionen, sodass diese in Foto weitestgehend unauffällig blieben.

Obwohl das Objektiv mit solidem Metalltubus nur 215 g wiegt, zeichnet es sich durch einen aufwendigen optischen Aufbau mit zwölf Linsen in neun Gruppen aus. Dazu gehören drei asphärische und zwei ED-Linsen. Eine wasser- und schmutzabweisende Fluor-Beschichtung schützt die Frontlinse

Der grosse Bildwinkel erfasst oft starke Kontraste, die hier mit der Tiefen/Lichter-Funktion von Photoshop ausgeglichen wurden.

Lohn des Aufwandes ist eine Bildqualität, die in der normalen Alltags-Fotografie die bedenkenlose Nutzung der grössten Öffnung 1:3,5 gestattet. Dafür oder noch für f/5,6 entschied sich bei Tageslicht im AUTO (Vollautomatik)- oder P (Programm)-Modus, mit ISO-Automatik im Bereich von ISO 100-3200, meist auch die Fujifilm X-S20. Interne Reflexe bei Gegenlicht waren kein Problem, ebenso wenig wie Vignettierung. Wer mit kleineren Blenden fotografieren will, schaltet besser auf manuelle Blendenvorwahl um. Die geht dank der grossen, griffigen Blendenrings schnell vonstatten. Durch die Bevorzugung grösserer Blendenöffnungen durch die Programmautomatik und dank der kamerainternen Bildstabilisierung der X-S20 (wie auch in X-S10, X-T4 und X-T5 sowie X-H1, X-H2 und X-H2S) erweist sich Fujis Verzicht auf eine Bildstabilisierung im neuen Objektiv in der Praxis nicht als Problem.

Lichtstärke F3,5 reicht wie hier mit ISO 800; 1/20s) für stimmungsvolle Innenaufnahmen ohne zusätzliches Licht.

Die Qualität der JPG-Fotos aus der X-S20 entspricht dem allgemein von Fuji-X-Kameras gewohnt hohen Niveau. Im normalen Tagesgeschäft sind die JEPGs ohne viel Nachbearbeitung brauchbar und lassen RAW nur im Ausnahmefall vermissen. Die interne Bildkorrektur durch den Prozessor (LMO Lens Modulation Optimizer) korrigiert Rand- und Beugungsunschärfen und sorgt dafür, dass Vignettierung in den Bildecken, Verzeichnungen parallel zum Bildrand in den Fotos auch bei offener Blende praktisch nicht auffallen. Die Praxisfotos zu diesem Betrag entstanden mit der 26-Megapixel-Auflösung der X-S20. Das XF 8 mm F3.5 R WR ist laut Fujifilm aber auch auf die höhere 40-Megapixel-Auflösung Topmodelle X-T5 und X-H2 ausgelegt.

Überraschend vielseitig einsetzbar

Nach einer kurzen fotografischen Eingewöhnungsphase an den grossen Bildwinkel erweist sich das Objektiv als unerwartet vielseitig in seinen Einsatzmöglichkeiten, wenn man sich auf seinen speziellen Charakter einlässt. Bildelemente im Vordergrund betonen die räumliche Tiefe des Bildes. Vordergrund-Elemente können das entferntere Motiv dekorativ einrahmen. Zu wenig Schärfentiefe ist dabei dank der kurzen Brennweite selten das Problem. Generell ist die Empfehlung «nahe ran» umso wichtiger, je weitwinkliger das Objektiv, also je kleinerer Massstabe ausfällt, in dem das Objektiv die einzelnen Bilddetails abbildet.

Bauhaus-Museum Armatur: Dank seines kurzen minimalen Aufnahmeabstandes erlaubt das XF8mm auch eindrucksvolle Detailaufnahmen.

Ausserdem fallen natürlich bei solch extremem Weitwinkel mit geneigter Kamera die perspektivischen Verzerrungen besonders stark aus. Auch ist eine möglichst genaue horizontale Kameraausrichtung wichtig, damit die Verzerrungen z.B. von Gebäuden mit ihren kritischen rechten Winkeln nicht stärker als vermeidbar ausfallen. Dabei hilft die elektronische Horizontlinie im Sucher oder LCD-Monitor der Fuji-X-Modelle. Besonders bei Architekturaufnahmen bietet es sich aber andererseits an, die starke Verzerrung als Gestaltungsmittel zu nutzen und bewusst einzusetzen, um etwa durch ungewöhnliche Blickwinkel besonders dramatische Perspektiven zu erzeugen. Auch Rundungen etwa werden durch die Weitwinkel-Charakteristik besonders betont.

Weimar Bauhaus-Uni : Wenn sich stürzende Linien bei Architekturaufnahmen nicht vermeiden lassen, empfiehlt es sich, sie bewusst als Gestaltungsmittel einzusetzen.

Gerade mit den 40-Megapixel-Fuji-Modellen ergibt sich noch eine weitere Option. Wer seine Kamera waagerecht ausrichtet, so dass etwa in der oberen Bildhälfte eine Häuserreihe ohne stürzende Linien erscheint, kann etwa die untere Bildhälfte per Bildbearbeitung beschneiden und erhält dann ein Bild im Panoramaformat 1:3 mit immerhin 20 Megapixeln. Selbst mit dem 26-Megapixel-Sensor der X-S20 bleiben noch fast 16 Megapixel übrig.

Die Auflösung des 26-Megapixel-Sensors der X-S20 bietet genügend Spielraum für Panorama-Formate durch Bildbeschnitt (hier auf 6238 x 2496 Pixel)

 

Zahlreiche Fokussieroptionen

Der Autofokus des XF8mm F3.5 R WR arbeitet leise, präzise und schnell. Ein kurzer Fokussierweg und Innenfokussierung sorgen für eine schnelle Scharfstellung. Fujifilm nennt nur 0,02 s Fokussierdauer. Dank der lautlosen AF-Funktion ist er auch für den Videoeinsatz geeignet. Die Fuji-X-Modelle bieten diverse AF-Optionen. Mir gefiel in der Praxis mit dem XF8mm F3.5 R WR die «Zonen»-Option der X-S20 am besten.

Damit lässt sich im Super-Weitwinkelbild der erfasste Motivbereich schnell mit dem grossen Rändelrad für den rechten Daumen zwischen kleinem 9×9-Punkt-, mittelgrossem 25×25-Punkt- oder grossem 45×45-Punkt-Feld wählen. Dieses quadratische Feld kann dann jeweils per Joystick der Kamera oder Touchscreen noch im Bildfeld verschoben und platziert werden.

Die grosse Schärfentiefe des Ultra-Weitwinkels kann Fluch und Segen sein. Schön scharfe Fotos von vorn bis hinten sind selbst bei offener Blende weniger das Problem. Schwieriger wird es, wenn die Schärfentiefe geringer sein soll, um ein Motivdetail scharf vor unscharfem Hintergrund abzugrenzen. Damit tut sich das Ultra-Weitwinkel naturgemäss schwer. Selbst mit 1:3,5 reicht z. B. bei Einstellung auf 5 m die Schärfe von ca. 2,5 m bis unendlich. Es empfiehlt sich dann Spot-AF oder das Umschalten auf manuelle Fokussierung zur präzisen Einstellung. Dabei hilft manuell die Focus-Peaking-Funktion. Eine elektronische, dennoch analoge farbige Balken-Anzeige im Sucher- oder Monitorbild, wie sie die X-S20 bietet, zeigt dabei Schärfentiefe-Ausdehnung. Am ehesten kann man die Möglichkeiten geringerer Schärfentiefe im Nahbereich des XF 3.5/8mm nutzen. Es erlaubt einen kürzesten Aufnahmeabstand von ca. 15 cm mit formatfüllender Abbildung der Fläche von der Grösse einer DIN-A4-Seite.

Die manuelle Fokussierung über den Fokusring arbeitet wie der AF elektronisch angetrieben. In der Grundeinstellung der X-S20 bestimmt die Drehgeschwindigkeit, wie stark der Fokus verändert wird. Je langsamer die Drehung, desto feiner die Schritte. Wer will, kann im Kamera-Menü auf eine lineare Fokussierung umschalten, bei der allein der Grad der Drehung am bestimmt, wie weit die Entfernungseinstellung variiert wird.

Fazit: Vielseitig, kompakt und beeindruckend

Das staub- und spritzwassergeschützte, wetterfeste Fujinon XF 8 mm F3.5 R WR ist eine sinnvolle Erweiterung des grossen Objektivangebots zu den Fujifilm-X-Modellen. Es empfiehlt sich ergänzend zu einer vorhandenen Ausrüstung mit längeren Brennweiten, etwa dem beliebten Allround-Fujinon-XF-Zoom 18-55mm, als Reise- und Reportageobjektiv, für Landschafts-, Street- und Architektur-Fotografie.

Mit seinem riesigen Bildwinkel und der grossen Schärfentiefe erweitert es nicht nur die Möglichkeiten zur fotografischen Bildgestaltung, sondern ermöglicht auch dramatischere Perspektiven aus ungewöhnlichen Blickwinkeln und kurzen Distanzen.

Mit einem Preis von knapp 800 Franken (900 Euro in DE/AT) ist das «Fujinon XF8 mm F3.5R WR» zwar nicht gerade ein Schnäppchen, doch angesichts der Gesamtqualität verdient es sich unterm Strich das Prädikat «preiswert» im wahrsten Sinne des Wortes.

Text und Bilder: Horst Gottfried

4 Kommentare zu “Leichtgewicht mit Übersicht: Fujinon XF 8mm im Praxiseinsatz”

  1. Guten Tag und vielen Dank für den Spaziergang mit dem 8mm XF. Nun darf ich als Normalo Knipser ganz sicher nicht in den Räumlichkeiten so ohne weiteres Fotos machen und die dann noch schadlos im Internet verkaufen/zeigen, denn es bräuchte eine Genehmigung dafür. Aber darum gehts es mir hier nicht. Ich kann aber doch ganz gut erkennen das die Verzeichnung des WW in den Ecken doch schon recht groß sind, lange Füße, schräge Tische, unproportionierte Bücherregale! Ich würde mir sowas sicher nicht kaufen, es wohl wie hier im JPG recht scharf aber reichen würde mir das überhaupt nicht. Danke.

    1. Herr Heidl, Sie vermischen in Ihrem Kommentar Verzeichnung mit perspektivischer Verzerrung.
      Jedes extreme Weitwinkel verzerrt an den Bildrändern das abgebildete Motiv (nicht nur in den Ecken). Das ist physikalisch nicht anders möglich.
      Verzeichnungen sind optische Fehler, die viele Objektive haben; sie manifestieren sich in gebogenen Linien zum Bildrand hin, welche eigentlich gerade sein müssen. (Stangen,Kanten,Pfosten, Fensterrahmen etc.) Diese Verzeichnung kann kissenförmig (nach aussen gebogen, häufig bei WW-Objektiven), oder tonnenförmig (nach innen gebogen, eher bei Teles) sein. Diese Fehler können in jedem gängigen RAW Converter korrigiert werden. Wer JPG fotografiert, kann diesen Fehler bei vielen Kameras intern korrigieren.

    2. Herr Hildebrand sieht das richtig. Die Gesetzmäßigkeiten von Optik und Perpektive kann auch Fujifilm nicht wegkonstruieren. Ein so extremes Weitwinkelobjektiv ohne die von ihnen angemerkten Punkte werden Sie auch bei keinem anderen Hersteller finden.
      P.S.: Und für den wohl aus ergonomischen Gründen schrägen Lesetisch der Bibliothek in dem einen Foto kann das Objektiv nix.

  2. Hi Horst, ein sehr guter Ueberblick auf dieses Objektiv mit sinnvollen Hinweisen auf solch riesige Winkel und deren sinnvollen Einsätzen. Grüsse auch von Evi T. aus München, wohin mich der DB-Streik verschlagen hat 😉

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